Facetten kompositorischer Reflexion. Die Widmungen an Felix Mendelssohn Bartholdy

Träger: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)
Laufzeit: 2016–2019

Leitung

Projektbeschreibung

Im Zentrum des Projekts soll die Frage stehen, inwiefern sich aus den Mendelssohn gewidmeten Werken Facetten eines zeitgenössischen Mendelssohn-Bildes ableiten lassen. Die im bekenntnishaften Akt der Zueignung entstandenen Werke sollen auf kompositorische Reflexe untersucht werden, die gleichsam emblematisch im musikalischen Material verankert sind. Da der Widmungsprozess nicht allein auf den Urheber, sondern vor allem auf den Adressaten verweist, darf vermutet werden, dass jene eindeutig als Bekenntnismusik dedizierten Werke – stets unter der Bedingung ihrer Akzeptanz seitens des Komponisten – Aspekte aus Mendelssohns Schaffen widerspiegeln, die der Komponist selbst vertrat und auf die er auch reagiert hat. Die Werke verstehen sich dabei – in enger Orientierung an den widmungstheoretischen Ansätzen Gérard Genettes – als paratextuelle Quellen. Das heißt, die Werkzueignungen stellen häufig private, symbolische oder intellektuelle Beziehungen zwischen dem Widmer und dem Adressaten zur Schau, die wesentlichen Einfluss auf deren Wahrnehmung und Rezeption im öffentlichen Diskurs haben. Neben der systematischen Differenzierung kompositorischer Referenzen bildet ein weiteres Ziel der Untersuchung, die kommunikativen Kräfte des Widmungsphänomens zu eruieren, die an der Komplettierung des Widmungsprozesses beteiligt sind. Zu Beginn gilt es daher, die theoretischen und historischen Grundlagen der Widmungsthematik zu konzeptionieren bzw. zu rekonstruieren, auf deren Basis dann die kompositorischen und rezeptionsästhetischen Aspekte speziell in Bezug auf die Dedikationsphänomene rund um Mendelssohn entwickelt werden können. In einem weiteren Schritt soll das Widmungsnetzwerk Mendelssohns untersucht werden. Konkret geht es dabei um die Frage, welcher Komponist Mendelssohn wann was (und wenn rekonstruierbar) warum gewidmet hat. Die Aufdeckung der Beziehungsverhältnisse erlaubt hier erhellende Rückschlüsse etwa auf das Gattungsformat, welches gewählt wurde, um den Lehrer, Freund oder Gönner Mendelssohn zu würdigen. Im Mittelpunkt steht sodann die Analyse der Widmungsfunde im Hinblick auf die kompositorische Reflexivität des Mendelssohn’schen Schaffens. Aufbauend auf den analytischen Ergebnissen sollen die Widmungsphänomene daraufhin im Kontext ihrer öffentlichen Deutung untersucht werden. Hierbei geht es speziell um den Einfluss der zeitgenössischen Medien, vor allem des Zeitschriftenwesens, das die Kommunikationsdynamik des Dedikationsprozesses maßgeblich gesteuert hat. Der Widmungsakt wird somit nicht nur als ein Phänomen kompositorischer Arbeit, sondern auch als ein Teil der Rezeption selbst beschrieben. Mit diesem Zugriff wird die Widmung bei Mendelssohn erstmals multiperspektivisch am Beispiel eines international operierenden Künstlers des 19. Jahrhunderts in den Blick genommen.