Reinhard Wolschina: Doppelkonzert für Kontrabass, Marimbaphon, 18 Bläser und 2 Harfen (1995)
Für alle, die Reinhard Wolschina (1952–2025) in seiner tatkräftigen und zugleich unprätentiösen Art kannten, kam sein Tod überraschend und löste großes Bedauern aus. Geboren und aufgewachsen in Leipzig, kam er schon als junger Mann nach Weimar und wurde an der Hochschule für Musik Franz Liszt unter anderem von Volkmar Lehmann und Johann Cilenšek ausgebildet. In die Öffentlichkeit trat er somit als Pianist und Komponist; zudem unterrichtete er an der Hochschule Musiktheorie.
1977 gründete er die Konzertreihe Neue Musik im Saal Am Palais und 1990 das Studio für Neue Musik. Zusammen mit Michael Obst, Robin Minard und auswärtigen Gästen bildete er an der Hochschule für mehrere Jahre die Jury zur Verleihung des Franz-Liszt-Kompositionspreises, zu der auch ich eine Zeit lang hinzugezogen wurde. Wichtige Inspirationen suchte er sich in der Musik Witold Lutosławskis, der zum wohl wichtigsten Brückenbauer innerhalb der Neuen Musik in Zeiten des Ost-West-Konflikts wurde. Weitere Inspirationen kamen aus den großen musikalischen Traditionen Mitteldeutschlands, vor allem aus der Musik Johann Sebastian Bachs. Wolschinas Œuvre umfasst ca. 80 Werke.
Das Doppelkonzert für Kontrabass, Marimbaphon, 18 Bläser und 2 Harfen, welches laut Partiturangabe „drei, ‚attacca’ zu spielende Teile hat“, bewegt sich zwischen dreiteiligem Konzert und Konzertstück; letzteres bildete sich im Laufe des 19. Jahrhunderts unter anderem mit Werken von Robert Schumann heraus und entwickelte sich gerade in Mitteldeutschland auch in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts in Werken Cilenšeks fort. Gleichwohl ist gegenüber diesen Werken die Besetzung des Doppelkonzerts ungewöhnlich.
Mit den Bläsern des Orchesters – welches man auch als ‚Harmonieorchester’ bezeichnen kann – teilt der Kontrabass die Möglichkeit, Töne auszuhalten, wiewohl er sie auch zupfen und somit verklingen lassen kann, was er wiederum mit dem Marimbaphon und den beiden Harfen, die Töne nicht aushalten können, gemeinsam hat. Gleichwohl können schnelle Tonrepetitionen des Marimbaphons fast schon wie ausgehaltene Töne wirken. Von beiden Möglichkeiten machen die gemeinsamen Passagen beider Instrumente Gebrauch. Manche Passagen sind zudem freirhythmisch notiert, also ohne Taktstriche. Dies gilt auch für manche Passagen des Orchesters. Dadurch kann im Zusammenspiel dasjenige entstehen, was man unter anderem im Blick auf das Streichquartett (1960) Lutosławskis einen ‚aleatorischen Kontrapunkt’ genannt hat. Da andere Passagen des Stücks mit Taktstrichen notiert sind, ergibt sich ein breites Anforderungsspektrum für die Agogik.
Manche Passagen bauen sich zu Klangflächen auf, indem – anders als in anderen Passagen – nicht mehr primär ein melodisches Geschehen auszumachen ist. Etwa in der Mitte des Stücks entsteht so – ausgehend von einem Instrument – eine Klangfläche aus vielen kleinen Figurierungen mit schließlich 18 Instrumenten. Ob es Zufall oder Absicht war, dass auch an anderen Klangflächen in dem Stück 18 Instrumente beteiligt sind, sei dahingestellt.
Die Harmonik des Stücks bewegt sich abseits der Klangflächen vielfach in einem freitonalen oder atonalen Tonsatz, so mit dem Akkord zu Beginn des Stücks in Harfen, Klarinetten und Fagotten, der aus sich das erste Solo mit Kontrabass und Marimbaphon entlässt, aus dem wiederum der erste Orchestereinsatz hervorgeht. Der Anfangsakkord kehrt eine kleine Terz höher wieder – nun durch weitere benachbarte Töne angereichert –, und wieder entlässt er aus sich ein weiteres Solo mit Kontrabass und Marimbaphon, aus dem der zweite Orchestereinsatz – ebenso mit weiteren Tönen angereichert – hervorgeht. Dies alles wiederholt sich zwei weitere Male – dabei immer komplexer werdend –, und schon hieran sieht man ein Kompositionsprinzip Wolschinas, welches auch für viele andere seiner Werke gilt: ein organisches Auseinander-Hervorgehen.
Über Weiteres dieses Werks zu reden, würde den Rahmen eines Einführungstextes sprengen. So sei vielmehr dem Hören dieses Werks die Hoffnung beigesellt, dass Wolschinas schöne Musik weiterlebt.
Prof. Dr. Albrecht von Massow

