Christina Meißner: Wo bin ich? (2023-25)
Musik aus dem Minimalraum
Mitten im pandemischen Stillstand erhielt ich vom Deutschlandfunk die Einladung, eine künstlerische Antwort auf den Lockdown als Radioarbeit zu entwerfen. Ausgangspunkt war ein Essay von Bruno Latour, der die fundamentale Frage stellt: Wo bin ich? und sie bis in die Tiefenschichten einer existenziellen Selbstverortung, ja bis zu einem Termite-Werden, hinein verfolgt. Latour beschreibt in diesem Text nicht die Distanz zur Welt, sondern die radikale Nähe, das Denken im kleinsten Maßstab, im tastenden Kontakt mit der unmittelbaren Umgebung. In jener Zeit der Isolation faszinierte mich diese Perspektive, als Nahbefragung der Welt im Kleinsten.
Als Cellistin und Komponistin beschloss ich, diese Verortung mit meinem Instrument auszuloten. Ich setzte mir ein einfaches, aber strenges Maß: ein Zentimeter Spielraum. Was würde das Cello innerhalb dieser Grenze preisgeben? Die Arbeit wurde zur klanglichen Feldforschung auf minimalem Raum: mikroskopische Bogenstriche, feinste Druckveränderungen, tastende Kontaktverschiebungen, Neigungen des Bogens oder Fingers, horizontal, vertikal und diagonal – stets im engsten Segment; ein Bewegungsradius, der kaum Spielraum lässt und doch eine ganze Landschaft an Potenzen in sich trägt. Dieser eine Zentimeter wurde zum symbolischen Startpunkt eines akustischen Kosmogramms der Isolation. Innerhalb dieser Grenze begann ich die klanglichen Möglichkeiten systematisch zu sammeln.
Es entstand eine für mich wahrlich beeindruckende Sammlung von Partikeln, vielgestaltige Miniobjekte des Celloklangs, Klangereignisse ohne Absicht, aber voller Eigenwilligkeit, die ich aufzeichnete, wie akustische Proben aus einem engen Habitat. Sie trugen die Isolation, die Sprachlosigkeit und die beklemmende Enge dieser Zeit nicht als Erzählung, sondern als Klangabdruck eines stillstehenden Lebens, das dennoch Bewegung will. Was mich im Prozess dieser Arbeit faszinierte, ist die Unberechenbarkeit seines Materials. Denn gerade im extremen Minimalraum melden sich Klänge mit einer Eigenwilligkeit, nicht erzwingbar. Unter dem Mikroskop des Ohres erschienen mir klagende, tierische, zarteste, leiseste, vibrierende, tänzerische, gedrückte, kaum voranschreitende Gesten – akustische Skizzen eines Körpers, der nach Bewegung sucht. Es offenbarten sich explosionsartige Miniereignisse: Risse, Huschen, Glimmen, introvertiertes Pochen, Spannung und Entladung, ein Sich-Ergeben, ein Dahinvegetieren im Ungewissen, Wandreibung, tastende Vorwärtsversuche, kaum hörbare Lebensäußerungen. Sie trugen die Pandemie als ästhetischen Abdruck in sich: Klaustrophobie, Erstarrung, Entfremdung, Sprachlosigkeit, Regungslosigkeit und zugleich die unverwüstliche Suchbewegung des Lebendigen, das niemals verstummt.
Eine Kurzgeschichte der Autorin Stephanie Geisler begleitete mich dabei indirekt als zweite Inspirationslinie: eine weibliche Stimme, als herausgelöstes Material aus einer Sprachaufnahme genommen, fragmentiert und neu gesetzt, nicht erzählend, sondern klingend, als weiterer Schattenriss des Menschlichen im Raum; Stimme nicht als texttragendes Zentrum, sondern als ein weiteres Klangmaterial, eingefangen, gebrochen, gehaucht, in die akusmatische Geographie eingeschrieben.
Der Titel dieses Stücks trägt die These bereits in sich: Wo bin ich? – eine Frage, die nicht beantwortet, sondern hörbar gemacht wird. Der Zentimeter ist dabei keine Maßmarke, sondern eine Koordinate des Aufhorchens. Aus ihm formte sich eine Musik, die das Enge nicht beklagt, sondern verhört, Schicht für Schicht, Partikel für Partikel.
Dieses Album bündelt nun jene Miniaturen zu einem neuen Ganzen. Was im Minimalraum entstand, erhält im Hören Mehrklang, Atem und Weite; eine Erinnerung daran, dass das Kleinste ein Universum sein kann, wenn wir ihm wirklich zuhören.
Das Werk können Sie hier vollständig hören.
Christina Meißner, Weimar im Januar 2026
