Habilitationen

Laufende Vorhaben

Dr. Fabian Czolbe: Werk – Wandel – Identität. Max Regers Mozart- und Beethoven-Variationen als musikalische Selbstzeugnisse

Max Regers erfolgreiche Originalkompositionen Beethoven-Variationen op. 86 und Mozart-Variationen op. 132 wurden beide nicht nur identitätsstiftend für den Komponisten. Er bearbeitete sie jeweils nachträglich für Orchester (im Falle von op. 86) bzw. für Klavier (im Falle von op. 132). Diese Fassungen verstand er indes nicht als zweitrangig, sondern durchaus als "werkhaft" – eine Perspektive, die im Kontext des wegbrechenden emphatischen Werkbegriffs um 1900 eine genauere Untersuchung provoziert.

Mit einer intensiven, textgenetischen Analyse der Quellen – Skizzen, Entwürfe, Stichvorlagen etc. – soll in zentralen Untersuchungen sichtbar werden, wie sich Werk- und Autoridentitäten in Schreibprozessen über rege Widerstände entfalten. Zu fragen ist dabei u.a. welche Auswirkungen bereits die Gesamtdisposition einer Seite, der Wechsel der Schreibmittel oder die Raumaufteilung eines Taktes bzw. einer Zeile für den Schreibprozess haben. Darüber hinaus lässt sich vor allem in den Stichvorlagen Regers zeigen, dass diesen explizit an Dritte (den Stecher / Verleger) gerichteten Textformaten mitnichten ein fertiger Werktext vorausging, sondern oftmals erst in der Niederschrift oder kurz nach dieser eine Vielzahl an Textelementen elaboriert wurde. Die textgenetische Betrachtung macht deutlich, dass sich Regers Textualisierung in Schleifen und Windungen teils mühevoll zum fertigen Werktext entwickelte, wobei der Schreiber, wenn er etwa Textelemente ›umschrieb‹ oder aber Teile durch Tekturen und Streichungen tilgte, gleichermaßen subtil wie radikal vorging.

Über die Identitätsstiftenden Momente für Autor und Werk im Schreiben hinaus untersucht die Arbeit ebendiese auch im intertextuellen Zusammenhang der teilweise umfangreich umgestalteten Werkstrukturen der jeweiligen Klavier- und Orchesterfassung von op. 86 und 132. Auch hier sind Situationen zu beobachten, in denen Frakturen, Montagen oder Projektionsflächen im ästhetischen Subjekt als auch im Werktext selbst sichtbar werden. Das Projekt reflektiert mit diesem Ansatz nicht nur die jüngsten terminologischen und methodischen Konzepte musikalischer Textgenetik, sondern möchte auch ein Regerbild von einem lediglich auf Fremdeindrücke reagierenden hin zu einem selbstbewusst und kreativ mit kulturellen Produktionsstrukturen umgehenden Künstlersubjekt konturieren.

Dr. Stefan Menzel: Die Bedeutung protestantischer Fürstenschulen für die mitteldeutsche Figuralmusikpflege des 16. Jahrhunderts

Das Projekt setzt sich zum Ziel, die Geschichte der figuralen Kirchenmusikpflege im ‚Kernland‛ der Reformation aufzuarbeiten. Bis heute erstaunt der hohe Verbreitungsgrad dieser äußerst voraussetzungsreichen Form gottesdienstlicher Musik im Entstehungsgebiet des deutschen Kirchenlieds, ein Umstand der in der Forschung zwar zur Kenntnis genommen, aber nie systematisch untersucht wurde. Im Projekt sollen zunächst die Auswirkung der Reformation auf die mitteldeutsche Figuralmusikpflege untersucht, die Phase ihrer Konsolidierung und Konfessionalisierung am Beispiel Wittenbergs, Zwickaus und St. Joachimsthals nachvollzogen werden. Im Zentrum des Vorhabens stehen dann die Fürstenschulen zu Meißen, Grimma, Pforta und Schwerin, an denen ca. 1550–1580 die größten Musikalienbestände der Zeit zusammengetragen wurden. Es soll gezeigt werden, dass die Fürstenschulen nach dem Bedeutungsverlust Wittenbergs im Jahr 1547 zu den wichtigsten Trägern der mitteldeutschen Figuralmusikpflege avancierten, sowohl hinsichtlich des Festhaltens an bestimmten Repertoiretraditionen, als auch durch die Erhebung figuralen Singens in den Rang von Allgemeinbildung.

Um ein möglichst lebendiges Bild der Musikpflege an den Fürstenschulen zu erhalten, wird sowohl die Bestandsgenese als auch die Nutzungsgeschichte der Handschriften, Drucke und Konvolute nachvollzogen. Abschließend soll die Wirkung der Fürstenschulen auf die mitteldeutsche Figuralmusikpflege von ca. 1580 bis 1600 erörtert werden, wobei der Anteil der Alumnen unter den prägenden Persönlichkeiten des mitteldeutschen Musiklebens zu ermitteln und das Fortleben von Repertoiretraditionen am Beispiel repräsentativer Bestände (Pirna, Löbau, Zwickau, Neustadt a. O., Udestedt) zu untersuchen ist. Im Umfeld des Reformationsjubiläums 2017 will das Vorhaben zum einen die Geschichte der protestantischen Kirchenmusik aktualisieren, zum anderen an ein musikalisches Erbe der Reformation erinnern, das lange Zeit zugunsten eines 'lutherischen Sonderweges' aus Geschichtsbild und kulturellem Gedächtnis ausgeschlossen wurde.

Dr. Daniel Tiemeyer: Musik am Habsburgisch-Burgundischen Hof Margaretes von Österreich um 1500

Das Forschungsprojekt setzt sich zum Ziel, die Wechselwirkung von politischer Inszenierung und institutioneller Marienverehrung mit Kompositionen der Burgundischen Hofkapelle herauszuarbeiten. Margarete von Österreich (1480–1530), Tochter Maximilians I. und Marias von Burgund, war eine zentrale Figur europäischer Diplomatie. Nachdem sie frühzeitig zweifache Witwe wurde, verweigerte sie eine dritte Ehe und widmete sich der Verwaltung der ihr anvertrauten Burgundischen Niederlande. Margarete baute Mechelen zum zentralen Verwaltungssitz mit eigener Residenz und ständigem Rat aus und etablierte dort ein administratives wie kulturelles Zentrum. Als wesentliche Merkmale der Inszenierung ihrer Herrschaft nach außen sind die Selbstdarstellung als Witwe und ihre spezifische Hinwendung zur Verehrung der Jungfrau Maria zu nennen.

Pierre de la Rue, der führende Komponist ihres Hofes, steuerte mit seiner dezidierten Hinwendung zu Marianischen Topoi entscheidende Elemente für die Inszenierung dieses politischen Programms bei. Dreizehn seiner zweiunddreißig Messen stehen im Zusammenhang mit Maria, er war der erste, der den Magnificat-Zyklus in allen acht Tönen komponierte und ein beträchtlicher Teil seiner Motetten sind ebenfalls marianischen Ursprungs. Musik fungierte im höfischen Zeremoniell als Teil der Inszenierung von Herrschaft und stand in unmittelbaren Zusammenhang mit diesem Selbstverständnis Margaretes als Regentin. Das Vorhaben will Formen von politischer Selbstinszenierung am Hofe Margaretes aufzeigen, das historisch-kulturelle Umfeld der Werke La Rues und seiner Kollegen darstellen und diese Kompositionen musikanalytisch untersuchen.

Abgeschlossene Habilitationen

2010

Dr. Axel Schröter: Studien und Quellen zu Musik und Theater am Weimarer Hof

2008

Dr. Matthias Tischer: Komponieren für und wider den Staat. Paul Dessaus Orchesterwerke in der DDR