Lange Nacht der Musikkulturen

Seit der Einrichtung der Professur für Transcultural Music Studies an der Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar vor fünf Jahren findet jeden Sommer ein besonderer internationaler Konzertschwerpunkt statt. In diesem Jahr wendet sich die Weimarer Musikhochschule mit einer "Langen Nacht der Musikkulturen" an eine größere Öffentlichkeit.

Datum: 3. Juli 2014, 19:30 Uhr
Ort: Kaisersaal Erfurt




 


Vier Ensembles auf einer Bühne
 

Samba de roda da Dona Nicinha

Samba-Erbe aus dem Herzen von Bahia, Brasilien

Die Casa do Samba in der kleinen historischen Stadt Santo Amaro im alten Zuckergebiet von Bahia, dem Recôncavo Baiano, ist das Stammhaus der Vereinigung aller Samba-Gruppen der Region.

Der alte Prachtbau eines Zuckerbarons aus dem 19. Jahrhundert wurde vom brasilianischen Kulturministerium 2006 aufwändig restauriert und der Samba-Vereinigung überlassen, die heute regelmäßig Veranstaltungen durchführt und von hier aus das Weltkulturerbe Samba de Roda pflegt und öffentlich macht.

Kaum jemand weiß, dass in dem verfallenen Haus bereits in den 1960er und 70er Jahren Dona Nicinha und ihre Familie – ihr Mann Mestre Vavá und die beiden Söhne Gugueu und Valmir – lebten.

Mestre Vavá versammelte im parkähnlichen Garten des Hauses wöchentlich Kinder des Viertels, um mit ihnen Samba de Roda und Maculele zu praktizieren; irgendeine Unterstützung gab es dafür nicht.

Aus der Gruppe der Kinder wurden bald die Netos de Popó, d.h. die Enkel von Popó, dem Vater von Vavá und ein bedeutender Maculele-Meister. Die Gruppe trat bei den Heiligenfesten vor der Hauptkirche auf, dann bei anderen öffentlichen Veranstaltungen, später sogar im Ausland. Diese Aktivitäten wurden von Vavá und Nicinha bis zu seinem Tod 1995 kontinuierlich fortgeführt.

Heute nennen sich die Netos nach der Matriarchin, nach Dona Nicinha. Sie ist bereits 70 Jahre alt, aber ihr Enthusiasmus für die Sache des Samba und der lokalen Kultur des Recôncavo bleibt ungebrochen: "Es ist schön, dass es mittlerweile fast 100 neue Samba Gruppen in Santo Amaro gibt."

Für Nicinha eine späte Genugtuung, dass es sich gelohnt hat, für den Samba und Maculele zu leben. "Auch ohne dieses viele Brimborium um den Samba - es war wunderbar, was wir getan haben, und ich bin sicher, auch Vavá würde alles genauso wieder tun."

Dona Nicinha kommt mit einer Gruppe nach Thüringen, in der auch ihre beiden Söhne, die mittlerweile selbst Meister sind, mitwirken.
 

Kim Hae-sook & Ensemble

Meister des Sanjo aus Südkorea

Anfang dieses Jahres geschah in Korea Erstaunliches: Erstmals wurde eine Frau an die Spitze des National Gugak Center gewählt, der staatlichen Dachorganisation aller traditioneller Bühnenkünste des Landes.

Alle Medien berichteten über diese Sensation, die so ganz nebenbei zur Konsequenz hat, dass Kim Hae-sook, also Frau Präsidentin, jetzt nicht mehr ohne persönliche Sekretärin reisen darf.

Professor Kim Hae-sook (* 1954, Busan) spielt die Wölbbrettzither Gayageum, eines der klassischen Instrumente Koreas, das dort seit mindestens 1500 bekannt ist. Von ihr gibt es zwei Ausführungen; Kim Hae-Sook spielt die etwas kleinere, im 19. Jahrhundert extra für die Volksmusik Sanjo kreierte Variante.

Die zwölf Saiten sind aus Seide und führen jeweils über einen beweglichen Steg, der wie die Füße von Wildgänsen geformt ist.

Koreanische Musik klassifiziert sich meist in Schulen, die nach ihren Gründern benannt sind, deren Stil und Repertoire in diesen Schulen weitergegeben wird. Kim Hae-sook gilt als bedeutendste Vertreterin der Choi Ok-Sams Gayageum-Sanjo-Schule, gerühmt für ihre Virtuosität, melodische Ausdruckskraft bei sehr zurückgenommener Ausführung.

Bei zwei Stücken werden Kim Hae-sook und ihre koreanischen Mitmusiker von Streichern der Hochschule für Musik FRANZ LISZT in Weimar begleitet.

Ufunuo Muheme Group

Mehrstimmiger Frauengesang aus Tansania

Die Wagogo aus Zentraltansania besitzen eine der herausragendsten traditionellen Musikkulturen in Ostafrika. Da sind etwa die eigenartigen gestrichenen oder gezupften Harfen, eine Vielzahl von marimba ya mkono (sanzi, mbira) mit unterschiedlicher Anzahl von Lamellen und Stimmungen, oder der polyphone Chorgesang mit seiner eigenwilligen Harmonik.

Im Sommer 2014 werden Mitglieder eines Ensembles des tansanischen Volkes der Wagogo aus einem abgeschiedenen Dorf zum ersten Mal in ihrem Leben ihr Land verlassen.

Das Ensemble heißt Ufunuo, was frei übersetzt "Aufdecken" und "Neu" entdecken bedeutet. Die Ufunuo führen die Tradition des mehrstimmigen Chorgesanges, den Muheme, weiter.

Der Muheme wird nur von Frauen gesungen. Begleitet wird der Gesang einzig durch Trommeln. Der Gesang erklang in der Vergangenheit zu Beschneidungsritualen.

Da diese seit 1998 verboten sind, erklingen der Muheme heute meist im religiösen Kontext sowie zur Verbreitung von politischen und lokalen Neuigkeiten.

Junge Sängerinnen interessieren sich jedoch kaum noch für die alte Tradition. Zu lange würde es dauern den komplexen Gesang zu lernen, sagen sie. Vor drei Monate hatten die Ufunuo noch keine Reisepässe und nur eine vage Vorstellung wo Deutschland liegt und was sie auf der Reise erwartet.

Nach einer Aufnahmereise von Philip Küppers zu den Wagogo im Februar 2014 werden die Ufunuo einige Lieder gemeinsam mit einem Chor der Hochschule für Musik FRANZ LISZT in Weimar einstudieren und dann auch beim Konzertabend gemeinsam vortragen.

The New Masters Of Mugam

Aus dem Nationalkonservatorium Aserbaidschans

Mugam ist die aserbaidschanische Bezeichnung für eine Musikform, die von den Uiguren im Nordwesten Chinas durch ganz Zentralasien bis in die Türkei verbreitet ist. Je nach Ort und Sprache heißt sie Maqam, Muqam oder auch Shahmaqam.

"Seiner Form nach ist der Mugam ein Zyklus im Charakter einer Suite oder Rhapsodie. Jeder der Mugamteile ist eine Improvisation, die sich im Rahmen der jeweiligen Tonart, in der der Mugam steht, bewegt und sich auf die freie Nutzung von melodischen Wendungen, wie sie für diese Tonart charakteristisch sind, gründet.

Jeder folgende Mugamteil hat einen anderen Stützton und entfaltet sich in einem höheren Klangbereich. Die Sätze werden durch Intermedien – Tasnif (ein begleitendes Lied) und Rjang (eine tänzerische Instrumentalepisode) – unterteilt.

Die komplizierten Regeln dieser Kunstform werden von den Interpreten streng befolgt. Doch wie die ganze Folklore gehören auch die Mugame zur mündlich überlieferten Musiktradition. Dadurch werden die Mugam-Intonationen auch ständig erneuert." (Alexandra Tichanowa)

Für diese ständige Erneuerung sorgt in Baku das Nationalkonservatorium; seit 2009 begleitet die Heydar Aliyev Foundation diese Bemühungen durch ein jährliches Festival International World of Mugham, das passenderweise im International Mugham Center of Azerbaijan stattfindet.

Aus diesem Umfeld kommt auch die von Tiago de Oliveira Pinto von der Musikhochschule Weimar handverlesene Gruppe junger Meister: "Dass die Musiker aus dem Nationalkonservatorium stammen, ist gut, denn an dieser Ausbildungsstätte wird die Mugam-Tradition bereits seit vielen Jahrzehnten vermittelt und gepflegt.

Es handelt sich dabei nicht um eine westlich orientierte und daher artifizielle traditionelle Musik.

Ich habe dieses Konservatorium besucht und war erstaunt, wie viele junge und talentierte Musiker hier von großen Meistern unterrichtet werden. Bei dieser Gruppe handelt es sich um die Vertreter der jüngeren Generation des Mugam."

Einführende Vorträge ab 16:30 Uhr

Prof. Dr. Tiago de Oliveira Pinto (Samba de roda, Brasilien)
Dr. Kedmon Mapana (Muheme, Tansania)
Samray Aliyeva (Mugam, Aserbaidschan)
Kim Hae-sook (Sanjo, Südkorea)


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Eintritt: 19 / 16 Euro
Karten im Vorverkauf bei den Tourist-Informationen Weimar, Erfurt und Jena sowie bei der Kurverwaltung Bad Berka
Die Abendkasse ist ab 18:30 Uhr geöffnet.

Gefördert von der Marga und Kurt Möllgaard-Stiftung, der Stadt Erfurt, der Botschaft der Republik Aserbaidschan, vom tff Rudolstadt und von der Kulturstiftung des Bundes

In Kooperation mit der Deutschen UNESCO-Kommission e.V.