Forschungsergebnisse

Wichtiger Ansatz der wissenschaftlichen Arbeit am UNESCO Lehrstuhl ist eine kulturtheoretisch und anthropologisch ausgerichtete Musik- und Performanceforschung mit anwendungsbezogenem Anteil, der auf internationalen Wissenschafts- und Austauschprojekten beruht. Critical Heritage Studies, die Berücksichtigung von epistemologischer Gerechtigkeit und das Einbeziehen von lokalen, sogenannten Native Theories gehören mit in die hier verfolgten Forschungsansätze. Es wird ein ganzheitlicher Forschungs- und Lehransatz umgesetzt, der sich in den Projekten vor allem im Kulturerhalt als Collaborative Research und Capacity Building niederschlägt. Das Wissen, das jeder Partner in das Projekt einbringt dient dazu, komplexe wissenschaftliche und sozialgesellschaftliche Probleme und Fragestellungen gemeinsam zu verstehen und dafür forschungsbasierte Lösungen zu erarbeiten. Der UNESCO Lehrstuhl ist darüber hinaus in seinem Fachgebiet führend im digitalen Lernen mittels Online-Kursen und -workshops und ist diesbezüglich kollaborativ in zahlreichen Projekten (mit Universitäten in Afghanistan, Brasilien, Kolumbien und auf dem afrikanischen Kontinent) tätig. 

Nachfolgend drei Beispiele aus laufenden Forschungsprojekten:

(1)    Afghanistan: Die Zusammenarbeit mit den Institutionen in Afghanistan – neben dem RTA sind das die Kabul University und das Afghanistan National Institute of Music – war immer seit 2012 als „collaborative research“ angelegt. D.h. die Fortsetzung der Arbeiten ist seit Machtübernahme durch die Taliban nicht mehr möglich. Die Institutionen wurden geschlossen oder können nur äußerst eingeschränkt aktiv bleiben. Grundlegende Ziele des UNESCO Chair mit den entsprechenden methodischen Ansätzen historisches Erbe in seiner gegenwärtigen Ausprägung als künstlerische und reflektierte Praxis weiter zu unterstützen, zu dokumentieren und zu vermitteln bleiben natürlich erhalten.  Für die Wissenschaft ergibt sich die Herausforderung die langjährige Zusammenarbeit mit den Institutionen, vor allem mit den Kulturträgern selbst, unter den jetzigen Vorzeichen dennoch aufrecht zu erhalten. Hierbei ist die Kooperation mit dem Auswärtigen Amt weiterhin grundlegend, denn das Team des UNESCO Chair konnte eine große Anzahl an Kulturschaffenden im Bereich von Musikkultur und deren Dokumentation auf die offizielle Evakuierungsliste bringen. Heute sind diese Künstler und Wissenschaftler großenteils in Deutschland, in Europa und in den USA. Es bietet sich nun für die afghanischen Experten die Gelegenheit auch im Exil am Kulturerbe zu arbeiten. Doch wie dies gehen kann und was das am Ende für das Kulturerbe an sich bedeutet steht vor einer völlig neuen Situation. 
Am Chair herrscht die Gewissheit, dass Afghanistans lebendiges Kulturerbe derzeit nur außerhalb des Landes gesichert werden kann. In Anbetracht der aktuellen Debatte um Dekolonisierung von Museen, ist dies der umgekehrte Weg entsprechende Maßnahmen zu initiieren und durchzuführen. Während nämlich an ethnographische Sammlungen Regressforderungen laut werden und erste Restitutionen von Objekten aus Museen an Herkunftsländer erfolgen – z.B. die sog. Benin-Bronzen aus deutschen Museen an Nigeria – ist der Chair im Begriff statt dessen eine „Expatriierung“ in großem Stil durchzuführen. Gemeint sind damit nicht nur die Archivmaterialien – diese gehören dazu – aber vor allem die Praxis, hinter der immer Menschen stehen. Da diese derzeit in ihrem Land aufgrund ihrer musikalischen Praxis verfolgt werden, muss den in Deutschland eingetroffenen afghanischen Kunst- und Kulturschaffenden Unterstützung zukommen.

(2)    Songbirds and birdsongs:  die Vogelliebhaberei im Harz, die im sogenannten „Finkenmanöver“ öffentlich zur Darstellung kommt, wurde 2014 in das Bundesdeutsche Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommenen. Dies führte nicht nur zu einer gesteigerten Aufmerksamkeit auf diesen Brauch, es konnte zugleich eine jahrelange Auseinandersetzung zwischen den Harzer Finker und Vertreterorganisationen des Tier- und Vogelschutzes beendet werden. Der Wettbewerb der Schönheitsgesänge der Finken geht auf eine Jahrhundertealte, im ganzen deutschsprachigen Raum verbreitete Tradition der Vogelliebhaberei zurück. Entsprechende Wettbewerbe von Singvögeln gibt es auch in Südostasien und in Lateinamerika. Zu den Fragen, die sich bei diesem Forschungsprojekt ergeben, gehören neben dem Umgang mit Wissen aus der Natur - insbesondere das traditionelle Wissen in Ornithologie - die ästhetischen Prinzipien, nach denen Schönheit in den Vogelgesängen kategorisiert wird. Die Frage ist allgemein anthropologisch, denn der Mensch sucht in jeder Gesellschaft und in jedem kulturellen Kontext nach ästhetischer Befriedigung aus der Natur. Die Fragestellung reicht zugleich in die Musikästhetik, denn es geht den Finkenmeistern um präzise Identifikation und Bewertungen klanglicher Strukturen, die zu erkennen und zu beschreiben große, über viele Jahre erworbene Fertigkeiten voraussetzt. 

Bei der Erforschung von Vogelgesangswettbewerben im Harz lässt sich feststellen, dass immer mehrere Dimensionen vorhanden sind: die technisch-artistische Eigenlogik des Klangartefakts, dem klar definierte Kategorien zugesprochen werden, und die funktionale Einbindung dieser klanglich-musikalischen Phänomene im sozialen Alltag. Daran anknüpfend lassen sich die ästhetischen Überlegungen anschließen: worin besteht das Wissen des Experten um die wahre und gezielt angesteuerte Klangnatur des Vogelgesangs? Da Singvögel gezüchtet und eigens im Hervorbringen bestimmter Gesänge, die der Kategorie „Schönheitsgesänge“ zuzuordnen sind, regelrecht geschult werden, stellt sich auch die Frage worin sich der gewünschte und am Ende tatsächlich hervorgebrachte „Schönheitsgesang“ vom ursprünglichen Naturklang unterscheidet. Im Gesangswettbewerb, dem präzise, musikästhetisch aufzufassende Kriterien zugrunde liegen, kommen die Normen, die den exzellenten vom minderwertigen Gesang absondern besonders deutlich zum Vorschein. Hiermit stellen sich weitere grundsätzliche Fragen: Was ist schöner Gesang und worin zeichnet er sich aus? Warum sind die minderwertigen Gesänge weniger schön, bzw. zum Teil geradezu „ohrenbeleidigend“. Lässt sich tatsächlich ein „Naturklang“ von einem „Kulturklang“ unterscheiden, auch wenn er von derselben Vogelart hervorgebracht wird? Wo lassen sich die klanglichen Elemente festmachen, die zu den differenzierten und komplex gehandhabten ästhetischen Bewertungen musikalischer Klangphänomene führen, denn als solche müssen diese Bewertungen und der gesamte terminologische Apparat um die „Qualität“ der Vogelgesänge verstanden werden? Und ferner: wann gehören die Bewertungen von Vogelgesang, die meist von Experten gemacht werden, die über keinerlei theoretisches Musikwissen verfügen, in eine im engeren Sinne zu begreifende, musikwissenschaftlich konsistente ästhetische Kategorisierung?   
Da die Finkengesänge tradiert werden obliegt es dem Finker den Erhalt eines spezifischen Gesangsrepertoires zu garantieren. Saveguarding meint hier dem Vogel eine gute Schulung zu geben und darüber hinaus ihn von fremden, stilverändernden und – so glaubt man – von im ästhetischen Sinne zerstörenden Einflüssen fern zu halten. 

(3)    E-Teach Projekt zur Unterstützung der akademischen Lehre: Ziel des vom Thüringer Wissenschaftsministeriums finanzierten Projekts ist die didaktische Erschließung audiovisuellen Archivmaterials der Transcultural Music Archives am UNESCO-Chair. Die entwickelten Tools zielen darauf ab, das vorhandene AV-Material interaktiv, partizipativ und immersiv zu erschließen, sowohl für das Selbststudium, als auch für wissenschaftliche und künstlerische Lehr-, Lern- und Aufführungsszenarien. Eine verstärkt künstlerisch-ästhetische Auseinandersetzung mit wissenschaftlich-dokumentarischem Material ist hier besonders erstrebenswert: es gilt heute zunehmend die Konstruiertheit des Materials transparent zu machen und didaktisch zu nutzen. In Kooperation mit der Professur für „Crossmediales Bewegtbild“ des Studiengangs Visuelle Kommunikation an der Bauhaus Universität Weimar werden diese Dokumente immateriellen Kulturerbes aus verschiedenen Weltregionen auf neuartige Weise zugänglich gemacht und im universitären Lernumfeld gleichzeitig zur Generierung neuer Bewegtbilder anregen. Das Ergebnis ist einerseits eine interaktive musikalische Weltkarte und zugleich eine „modulare Leinwand,“ die aus mehreren Kuben besteht. Diese Leinwand ermöglicht separate Darstellungen einzelner musikalischer Formteile, oder Ensembles von Musizierenden, die nach und nach zusammengefügt werden. Zugleich kann ein Instrumentalspiel aus den Beständen des Archivs durch weitere Instrumentalisten aus der Studierenden-Gruppe live erweitert werden. Die Projektion ist also klassisches Videomapping, kombiniert mit Motiontracking – bezogen auf jede einzelne Seite eines Kubus, der sich mit weiteren Kuben zur „lebendigen Leinwand“ verbindet. Für die musikalisch vermittelnde, künstlerische und wissenschaftliche Ausbildung entwickelt das Impulsprojekt neuartige, diese unterschiedlichen Bereiche verbindende didaktische Mittel. Sie ermöglichen neue, interaktive und künstlerische analytische Zugänge zu lebendigem Kulturerbe. Auch nicht-universitäre Lernumgebungen (allgemeinbildende Schulen, Erwachsenenbildung, Museen, Bühne) sollen von diesen Tools profitieren. Das Impulsprojekt adressiert somit gezielt den wachsenden Bedarf der interkultureller Informations- und Medienkompetenz.