Ragna Schirmer

Foto: Maike Helbig

Die deutsche Pianistin Ragna Schirmer kam als Studentin mehrfach zu den Weimarer Meisterkursen. Im Juli 2021 kehrte sie erneut zurück nach Weimar – ­dieses Mal als Gastprofessorin der Meisterkurse.

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Lebensweimar


"Es gibt im Leben eines Musikers diese seltenen, besonderen und kostbaren Konzerte: Das Spiel gleicht einem Rausch, eins mit sich und der Welt schwebt man durch den Kosmos der Töne und Klänge, konzentriert und entrückt zugleich.


Am 1. August 1997 durfte ich in Weimar ein solches Konzert erleben. Während des intensiven und lehrreichen Meisterkurses sowie des wunderbaren Orchesterstudios hatte ich das 3. Klavierkonzert von Beethoven gründlich vorbereitet und war ausgewählt worden, es im Abschlusskonzert zu spielen. Die sonst nervöse Anspannung vor einem Auftritt wich aufgeregter Freude, das Gelernte vortragen zu dürfen.


Wolfram Huschke, damals Rektor der Hochschule, verkündete bei seiner Konzertansprache sichtlich bewegt den aus den Medien erfahrenen Tod Svatoslav Richters, eines der größten Pianisten unserer Zeit. Seine Worte, dass die Musik nun von anderen Pianisten in ähnlich ergreifender Weise weitergegeben werden müsse, spornten mich zusätzlich an, denn die musikalische Akribie Richters bewundere ich zutiefst und empfinde sie bis heute als unerreicht. Das dritte Konzert von Beethoven war eines seiner Lieblingsstücke.


Beim Spielen war es mir, als würde eine höhere Macht mich leiten und lenken und mir zu verstehen geben, dass es richtig ist, was ich fühle und tue. Beethoven als Katharsis. Beglückt und benommen den sich anschließenden Beifall entgegennehmend, sah ich aus dem Augenwinkel, wie sich mein verehrter Professor, Bernard Ringeissen, bei dem ich seit 1992 jedes Jahr innerhalb der Weimarer Meisterkurse unglaublich viel gelernt hatte und zu dem ich sogar nach Paris zum Studieren gegangen war, erhob und mir stehend applaudierte. Nach dem Konzert nahm er mich den Arm und flüsterte mir ins Ohr: "Du brauchst mich nicht mehr".


Während ich diese Worte schreibe, füllen sich noch heute meine Augen mit Tränen. Jener Moment war und ist prägend für mein ganzes Leben. Bis heute spüre ich Mut und Zuversicht, ausgelöst durch diesen einen Satz. Sein Nachhall vermag Zweifel zu besiegen und mich auf dem steinigen Weg des Musikerdaseins über Klippen und durch Täler zu tragen.


Ich bin der Hochschule Weimar, den Weimarer Meisterkursen und allen, die daran mitarbeiten, dass jungen Musikern solche Chancen gegeben werden, zutiefst dankbar und werde es immer bleiben. Und wenn mir, wie im Jahr 2021 geschehen, nun meinerseits an jenem Ort die Aufgabe übertragen wird, mit meinem Wissen über Musik und Klavierpädagogik junge Pianisten auf ihrem Weg zu begleiten, dann will ich dies mit ebensolcher Hingabe und Verantwortung tun, die ich damals selbst erfahren durfte. Denn im Weitergeben liegt das Weiterleben der Musik.


Vielen Dank, Weimar!"