Podcast "Liszten"

In unserem Festjahr probieren wir uns an einem neuen Format aus. Erstmals produzieren wir den Podcast "Liszten", der insgesamt 15 Folgen umfassen wird.

Wir blicken aber nicht etwa auf unsere Geschichte zurück, sondern wollen mit den Menschen sprechen, die die HfM heute prägen. Wer lehrt und arbeitet hier? Wie haben sie ihren Weg zur Musik und zur HfM gefunden? Und was treibt sie abseits der Musik um? Jeden Monat kommen verschiedene Personen aus Lehre und Verwaltung zu Wort – ungefiltert und ehrlich.

Moderation und Schnitt: Christofer Hameister
Idee und Redaktion: Ina Schwanse


Die Folgen

Shownotes

Foto: Guido Werner

Knopf oder Taste - das ist hier die Frage!

Zum Auftakt unseres Podcasts begrüßen wir Claudia Buder am Mikrofon. Sie ist seit 2018 Professorin für Akkordeon am Institut für Neue Musik und Jazz der Hochschule für Musik FRANZ LISZT in Weimar.

Bewegungsfreude zu vermitteln ist ihr künstlerischer wie pädagogischer Anspruch. Doch nicht nur musikalisch weiß Claudia Buder in Bewegung zu versetzen. Eine weitere Leidenschaft gilt der japanischen Kampfkunst Aikidō. Was die Akkordeonistin außerdem bewegt, erzählt sie im Gespräch mit Christofer Hameister.

Mehr über Claudia Buder: https://claudiabuder.de

Transkript der Folge

Christofer Hameister:
Herzlich willkommen zu unserem Podcast der Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar. Anlass ist der 150. Geburtstag der Hochschule. Damit Sie uns besser kennenlernen, sprechen wir mit Angehörigen der Musikhochschule. Mein Name ist Christofer Hameister und wir begrüßen heute eine ganz besondere Frau, nämlich Professorin Claudia Buder. Schönen guten Tag.

Claudia Buder:
Ein Hallo in die Runde!

Christofer Hameister:
Bevor wir richtig anfangen, dürfen Sie sich einmal vorstellen, allerdings mit einem Musikbegriff Ihrer Wahl, das Sie am besten beschreibt. Also, das kann ein Tempo-Begriff sein oder ein Auflösungszeichen oder ein Pralltriller…

Claudia Buder:
… oder die Tiefe des Klangs.

Christofer Hameister:
Warum?

Claudia Buder:
Mich interessiert die Klangtiefe, das Spektrum eines Klanges oder die Vielfalt eines Klanges.

Christofer Hameister:
Und was hat das mit Claudia Buder zu tun?

Claudia Buder:
Das hat damit zu tun, dass Claudia Buer auf dem Weg ist, die Musik in all ihren Facetten kennenzulernen, zu erforschen, zu entwickeln und dabei immer auch auf die Qualität des Klanges und auf die Qualität der Tonentstehung zu lauschen.

Christofer Hameister:
Jetzt sind sie schon eine Weile auf dem Weg. Glauben Sie, dass Sie irgendwann ein finales Ziel erreichen werden?

Claudia Buder:
Ich glaube, das wäre schade, wenn man künstlerisch und musikalisch gesehen ankommt. Ich denke, es ist schön, das wie das Universum zu betrachten: Das heißt, die Welt des Klangs ist endlich unendlich.

Christofer Hameister:
Unendlich ist auch ein bisschen Ihre Biografie. So scheint es, wenn man sich mal anschaut. Also Sie sind mittlerweile Professorin für Akkordeon am Institut für Neue Musik und Jazz dort auch Direktorin. Sie haben in Weimar und Essen studiert, mehrfach ausgezeichnet, Lehraufträge im Ausland, CD-Produktionen, Konzerte in Stockholm, bei den Wienern und den BBC Proms… Und wenn Sie dann noch Zeit haben, dann unterrichten Sie auch ihre Studierenden.

Claudia Buder:
Nein, nicht wenn dann noch Zeit ist! Ich glaube, das ist jetzt wirklich ein wichtiger Mittelpunkt und ich finde das fantastisch an der Hochschule zu arbeiten und mit jungen Menschen den Weg der Zukunft zu gestalten. Ich bin jetzt vielleicht frech, aber ich sag das jetzt mal so: Ich arbeite nicht, ich lebe! Das heißt, die Arbeit ist mein Lebenselixier und es ist wichtig im Lebenselixier ein Verständnis für Einatmen, für Ausatmen, für Aktionen, für Gelassenheit, für Pausen zu haben – und genauso versuche ich das zu realisieren.

Christofer Hameister:
Und das gelingt in Weimar ja auch.

Claudia Buder:
Ich finde Weimar als Stadt poetisch wunderschön und ich genieße schon sehr unseren Arbeitsort oben in Belvedere. Was ich fantastisch finde, ist zu studieren, zu arbeiten und dann aus der Tür heraustreten zu können in das Grüne hinein, um dann wieder zurückzukehren. Das ist einfach ein wunderschöner Prozess.

Christofer Hameister:
Das klingt nach sehr viel Segen, aber der ist doch garantiert auch ein bisschen Fluch mit dabei, oder?

Claudia Buder:
Ja, ich sag es jetzt mal so: der Fluch der Bürokratie, der langsam mahlenden Mühlen, der Knöllchen, die dann eingelöst werden. (lacht)

Christofer Hameister:
Also das heißt, Claudia Bruder ist in der Bußgeldstelle Weimar bekannt?

Claudia Buder:
Oh ja, ich entschuldige mich zutiefst, ich bin bekannt.

Christofer Hameister:
Im Zentrum steht bei ihnen im Leben das Akkordeon. Wie kam es eigentlich dazu?

Claudia Buder:
In meiner Kindheit gab es noch nicht das facettenreiche Instrumentenkarussell oder große bunte Vorstellungen von vielen Instrumenten, sondern es gab die Familie und es gab das Vorbild meiner Mutter – und meine Mama spielte Akkordeon. Es war klar, dass auch die Tochter Claudia sich musikalisch beschäftigt und dann kam einfach die Frage auf: Was hältst du von Akkordeon? Und ich: Warum nicht, ja!

Natürlich, wie das immer so ist, der Mozart ist ja noch nicht vom Himmel gefallen. Das heißt, es gab Begeisterung am Anfang. Alles Neue ist interessant und spannend und aufregend, wie es ist im Alter eines Kindes. Die Beständigkeit des Übens – die darf erst entwickelt werden und da geht natürlich nicht jede Freude ein und aus im Haus.

Christofer Hameister:
Aber wie haben Sie es dann trotzdem geschafft dranzubleiben, sich weiterhin zu motivieren?

Claudia Buder:
Auf der einen Seite war es die klare Struktur. Es war klar, bestimmte Abschlüsse zu schaffen. Es war klar, bis zu einem Punkt zu kommen und dann noch mal neu zu entscheiden. Das ist vielleicht manchmal von Vorteil. Auf der anderen Seite ist es natürlich aber auch die Gemeinschaft, mit anderen zusammen zu musizieren, Reisen zu unternehmen und letzten Endes ist es bei mir in der Jugend auch der Erfolg des Wettbewerbes gewesen, wobei ich das natürlich jetzt im Erwachsenenalter mit anderen Augen sehe. Aber als Kind hat es gewirkt. Das heißt, ein Erfolg war unglaublich motivierend.

Christofer Hameister:
So vielseitig wie das Akkordeon auch ist, genießt es auf der Welt unterschiedliches Ansehen – Schifferklavier, Quetsche, ein Instrument zur Unterhaltungsmusik, ein Instrument für die Neue Musik. Sie konzentrieren sich viel auf Neue Musik. Das war aber am Anfang nicht so, oder?

Claudia Buder:
Der Ursprung meiner Eltern, mich beim Akkordeon anzumelden, war die musikalische Beschäftigung und nicht in erster Linie die Musik. Sie kamen dann gar nicht aus dem Staunen heraus, was es alles noch gibt auf diesem Wege. Als Kind bin ich da hineingewachsen. Das heißt, meine Lehrerinnen und mein Umfeld war so geprägt, dass die Neue Musik zum Ausbildungskanon dazugehörte.

Ich habe mich nicht immer mit großen Freuden auf das unbekannte Neue gestürzt, aber ich bin da hineingewachsen und mit der Zeit habe ich diesen Weg wirklich auch lieben gelernt. Ich bin dankbar, dass ich diese Möglichkeit des Wachsens hatte. Das finde ich ganz interessant, weil natürlich auch meine Ohren am Anfang anders geprägt waren, aber sie haben sich eben mit diesem Weg entwickelt.

Christofer Hameister:
Was hat Sie am Ende dazu bewegt zu sagen, ich werde das Ganze weiter professionalisieren und auch studieren?

Claudia Buder:
Das war eben diese Reise ins Unbekannte. Es war auch die Freude, sich mit der Musik auseinanderzusetzen und die Freude, die Musik zu einer Berufung werden zu lassen und sich damit ein Leben lang zu beschäftigen. Es ist doch ganz toll, dass man seine Liebe oder Interesse zu seinem Beruf macht.

Christofer Hameister:
Gab es denn auch einen Plan B?

Claudia Buder:
Das war vielleicht ganz interessant. Als ich in der 10. Klasse war, gab es viele Gespräche, wohin sich das Berufsleben entwickeln könnte und interessanterweise hat mich damals die Biologie und auch die Psychologie interessiert. Das war die Antwort, die ich gegeben habe. Am Ende ist es dann doch das Akkordeon geworden.

Christofer Hameister:
Dennoch gab es da einen Wechsel. Sie sind kurz vor der Wende von Taste auf Knopf gewechselt…

Claudia Buder:
Ja, das hat vielleicht auch ein wenig einen gesellschaftspolitischen Hintergrund. Zu meiner Jugendzeit sind wir oft nach Klingenthal gefahren. In Klingenthal gab es immer den großen internationalen Akkordeonwettbewerb, den es auch jetzt noch gibt und da trafen sich unterschiedliche Nationen, was in der DDR auch gar nicht so üblich ist außerhalb der Messe oder so. Es waren die Franzosen da, es waren die Russen da, es kamen auch Amerikaner.

Gerade die Tradition der Franzosen wie auch der Finnen, die auch anwesend waren, ist ja eine sehr große. Mich haben diese Musiker und Musikerinnen damals unglaublich fasziniert – ihre Spielweise, auch ihre Spielfreude und ihre Virtuosität. Das hat mich alles sehr inspiriert. Dann habe ich gedacht, mein Gott, das würde ich gerne auch machen.

Ein bisschen gab es auch damals natürlich diese Vergleiche: Knopf oder Taste – was ist besser? Letzten Endes sage ich heute, entscheidet der Musiker am Instrument dahinter, was von rauskommt. Aber damals hat mich das einfach wahnsinnig fasziniert und dann habe ich so gedacht, ich wage es einfach.

Ein Aspekt war vielleicht auch noch, das eine finnische Freundin mir angeboten hat, ihre Pigini zu bekommen. Das war für mich natürlich damals eine Aussage! Wow, wir hatten ja damals diese Instrumente aus Klingenthal – die Weltmeister-Akkordeons und eine Pigini, das war etwas Unglaubliches, für uns Unerreichbares. Das war vielleicht auch noch mit so einem Ausgangspunkt.

Christofer Hameister:
Also quasi vom Audi zum Ferrari gewechselt…

Claudia Buder:
Ja, es ist die Frage, wie man das vergleicht. (lacht) Im Nachhinein es gibt ja oft immer diese Umstiegsgeschichten. Es ist natürlich schon gewagt gewesen vom Alter her gesehen – ich war damals 18 Jahre alt – eigentlich viel zu spät. Ich würde es heute in diesem Alter keinem mehr ans Herz legen, aber ich war damals einfach fasziniert von dieser Idee und deswegen habe ich es einfach gemacht.

Christofer Hameister:
Was spricht jetzt für die Wahl von Knopf auf beiden Seiten?

Claudia Buder:
Es gibt diesen berühmten Satz von Immanuel Kant: „Die Hand ist das äußere Gehirn des Menschen“. Im Alter von fünf bis zehn Jahren ist eben gerade diese manuelle Beschäftigung prägend für die Entwicklung des Gehirns. In dieser Anfangszeit gibt es wirklich eine besondere Bedeutung, und wenn ich in der rechten wie in der linken Hand mit gleichen Systemen arbeite, dann kann ich einfach eine unglaublich gute Entwicklung fördern und auch eine Entwicklung des Hörens fördern. Das finde ich einfach unglaublich wertvoll für die junge Generation. Das ist für mich aus heutiger Sicht ein Hauptargument – diese Bewegungsfreudigkeit in beiden Manualen gleichermaßen.

Christofer Hameister:
Frau Bruder, wir haben jetzt viel über das Akkordeon geredet. Wir machen eine Schnellfragerunde, damit wir Sie noch besser kennenlernen. Ich bitte um kurze Antworten:

Weimar ist für mich…
…eine poetische Stadt.

Goethe oder Schiller?
Schiller ist manchmal unterbelichtet. Schiller. Schiller. Schiller!

Liszt oder Bach?
Liszt oder Bach? Hm, Bach müsste doch „Meer“ heißen und natürlich haben wir eine Verantwortung mit unserer Musikhochschule, aber in jedem Falle wäre es bei mir doch erst mal Zeit, ins Meer zu gehen.

Wenn ich alleine im Auto fahre, höre ich…
…Deutschlandradio. Manchmal fahre ich zu schnell, um Musik gut zu hören. Der Pegel ist dann einfach zu hoch. Deswegen nutze ich die Autofahrt zur Information.

Ihr größtes Glück?
Im Leben zu sein.

Was würden Sie im Leben noch mal anders machen?
Ich versuche immer mein Bestes und daher denke ich, der Weg, den ich gegangen bin, ist der wie ich halt bin. Vielleicht gibt es noch mal eine andere Chance, aber ich weiß gar nicht, ob ich noch irgendetwas anderes machen würde. Ich übe halt immer. Das ist das Prinzip.

Welchen Job würden Sie an der Hochschule gerne mal machen?
Welchen Job an der Hochschule? (lacht)

Präsidentin?
Oh, das ist eine große Verantwortung und auch mit viel administrativer Arbeit verbunden. Das erlebe ich jetzt, wo ich sozusagen in einer Festanstellung bin. Ich habe ja vorher freiberuflich gearbeitet und deswegen ist es wirklich eine große Verantwortung. Es hat beides große Vorzüge – zum einen frei zu sein in der Arbeit, Freiberufler zu sein und zum anderen natürlich aber auch die Verantwortung zu haben. Also Präsidentin, ich glaube, da kann noch etwas Reife hinzukommen.

Dann fragen wir in ein paar Jahren noch mal nach…

Christofer Hameister:
Unsere Podcast -Folge mit Ihnen trägt den Titel „Musik und Bewegung“. Jetzt haben wir uns nur im Bereich der Musik bewegt, aber was vielleicht einige nicht wissen: Bei Ihnen spielt Bewegung eine zentrale Rolle in ihrem Leben. Sie betreiben nämlich Aikidō. Was ist das?

Claudia Buder:
Aikidō kommt aus dem Japanischen und setzt sich aus drei Silben zusammen: ai, ki und dō. Dō ist „der Weg“, ki wird übersetzt mit „Lebensenergie“ und ai bedeutet „Harmonie“. So können wir also zusammenfassen: Aikidō ist der Weg, die Lebensenergie in Harmonie zu bringen. Auf die Kampfkunst bezogen, bedeutet dies, dass ich einem Angriff in erster Linie keinen Block entgegensetze, sondern ich versuche die Bewegung des Angriffes aufzunehmen, um daraus etwas zu entwickeln, was den Angriff im Sinne von Sieg und Niederlage auflöst.

Christofer Hameister:
Das habe ich jetzt alles verstanden, aber warum betreiben Sie das? Vor wem oder was müssen Sie sich schützen?

Claudia Buder:
In erster Linie war mein Gedanke kein Schutzgedanke, sondern ich habe es einfach gesehen und mich schlichtweg beim ersten Betrachten in diese Kampfkunst verliebt. Das war’s. Ich war einfach begeistert von dieser Art der Bewegung. Das war wirklich Liebe auf den ersten Blick. Ich konnte nicht anders, ich musste das einfach machen. Ich habe dabei in gar keiner Linie an irgendeinen Schutz gedacht.

Christofer Hameister:
Jetzt ist es natürlich etwas schade, dass wir das nicht sehen können, aber Sie können es ja beschreiben, um uns alle mitzunehmen. Wie kann man sich das vorstellen?

Claudia Buder:
Also, es kommt zack ein Faustschlag in die Magengrube! Die Kunst besteht darin, rechtzeitig auszuweichen und bei diesem Ausweichen eben nicht zu fliehen, sondern vielleicht sogar genau in die Höhle des Löwen hineinzugehen. Das heißt, man bewegt sich genau in die Richtung aus der der Angriff kommt und nimmt dabei den Angriff auf. Das würde bedeuten, ausweichend den Griff aufnehmen und zu einer anderen Bewegung führen.

Vielleicht ist es ein gewagtes Beispiel, denn wir wissen, Faustschlägen können sehr schnell sein. Wir trainieren natürlich auch diese Aufmerksamkeit der Wahrnehmung und letzten Endes ist dann sogar das Ziel, dass es gar nicht zum Angriff kommt.

Christofer Hameister:
Wie oft betreiben Sie das?

Claudia Buder:
Ich trainiere zweimal wöchentlich. Wenn ich noch mehr Zeit hätte, würde ich vielleicht noch mehr machen. In einem japanischen Dojo wird traditionell jeden Tag Training angeboten, und alle, die das professionell machen, trainieren auch mehrere Stunden am Tag. Und wir sehen das auch bei den Shaolin-Mönchen: Die trainieren Jahrzehnte acht Stunden täglich. Da ist es nicht verwunderlich, wenn man die Fähigkeit besitzt, eine Nadel durch das Glas zu werfen.

Christofer Hameister:
Was ich noch nicht ganz verstanden habe: Man spricht von Kampfkunst, aber jetzt lese ich, es ist wenig Kampf und mehr Kunst…

Claudia Buder:
Sagen wir es so: Diese Kampfkunst soll kampfwirksam sein. Wenn sie nicht kampfwirksam ist, dann befinden wir uns wirklich im Bereich der Kunst. Aber ausgehend von der alten Samurai-Tradition geht es wirklich darum, dass das, was ich ausübe auch eine Wirkung hat. In diesem Sinne ist es eben nicht nur Kunst. Aber ich gebe zu, man kann natürlich trefflich darüber debattieren, ab wann etwas wirksam ist.

Ich weiß auch, dass es im Aikido wirklich unterschiedlichste Stilistiken gibt, so unterschiedlich wie halt eben die Menschen sind. Das heißt, es gibt Aikidō-Formen, in denen man fast ohne Kontakt übt, wirklich versucht, mit mentaler Bewegung zu trainieren. Das nennt man dann Ki- Aikidō. Ich kenne aber genauso gut Aikidō-Ausübende, die wirklich in Richtung Judo mit ganz klaren Schritten, ganz klaren Techniken und Griffen üben. Also, es ist einfach alles möglich. Es gibt eine große Palette so groß wie die Palette der Menschen.

Christofer Hameister:
Aber Wettbewerbe oder Ähnliches gibt es nicht.

Claudia Buder:
Das ist eben das Schöne. Es gibt beim Aikidō keinen Wettbewerb, weil es zur Grundphilosophie gehört, dass es keinen Sieger und keinen Verlierer geben sollte. Ich finde das spannend. Es gibt eine tiefe philosophische Dimension auch hinter den Techniken der Kampfkunst. Es geht eben darum, diesen Teufelskreislauf zu durchbrechen – nicht „Ja, ich hab dich jetzt besiegt. Du liegst am Boden Ich bin oben.“ Sondern es geht darum, eine Situation zu schaffen, in der alle sich weiterentwickeln können, aber natürlich eine Situation, in der ich die Situation auch bewältige.

Christofer Hameister:
Aktuell bewältigen sie die Situation an der Hochschule als Direktorin des Instituts für Neue Musik und Jazz. Das klingt nach sehr viel Administrativem und wenig Musik. Ist das Fluch und Segen zugleich?

Claudia Buder:
Ja, vielleicht sind es die zwei Seiten einer Medaille. Ich denke, es ist für uns ein großes Privileg, dass wir demokratisch agieren können. Demokratie bringt eben auch Herausforderungen mit sich, alle Stimmen zu hören, Meinungen mit einfließen zu lassen, gemeinsam zu gestalten. Vielleicht wäre Demokratie in der heutigen Zeit einfach zu gestalten, wenn das nötige Maß an Vertrauen auch dabei ist. Aber ich sehe natürlich die Herausforderung, alle Stimmen mitzunehmen und gemeinsam zu gestalten.

Wie kann das möglich sein? Das ist eben dann möglich, wenn wir uns die Zeit dafür nehmen und auch Zeit dafür nehmen müssen, andere zu hören. Somit würde ich sagen, es ist auf der einen Seite ein Segen. Aber wenn wir die Notwendigkeit haben, bestimmte Entscheidungen durch unterschiedliche Gremien hindurchfließen zu lassen, dann kann es eben manchmal gefühlt ein Flug sein, weil es eben so ewig lang dauert und weil sich mit diesem Weg durch diese Gremien auch so viel Zeit und so viele Entscheidungen auch manchmal wandeln.

Christofer Hameister:
Wenn wir schon bei den Wünschen sind, blicken wir mal in die Zukunft. Vielleicht nicht die nächsten 150 Jahre, aber die nächsten 15. Was wünschen sie sich fürs Akkordeon?

Claudia Buder:
Ich wünsche mir, dass das Instrument sich weiterentwickelt und entfaltet und dies in der Gemeinschaft mit allen anderen Instrumenten. Das ist das Wertvolle. Ich glaube, dass das Akkordeon ein wunderbares Instrument im Ensemble ist. Es ist quasi unser Chamäleon, was so viele Farben hat, so viele Farbenstärken annehmen kann. Deshalb wünsche ich mir, dass wir gemeinsam die Musik weiterentwickeln. Darin sehe ich einen großen Reichtum für das Instrument. Das Instrument hat eine wunderbare Farbe und kann die Zukunft der Musik mitgestalten.

Christofer Hameister:
Möge auch die Zukunft des Akkordeons in Weimar weitergestaltet werden. Liebe Claudia Buder, vielen, vielen Dank für dieses reizvolle Gespräch!

Claudia Buder:
Ich bedanke mich genauso und alles Gute!

Foto: privat

Der Moderator

Christofer Hameister (27) studierte an der Hochschule für Musik FRANZ LISZT in Weimar Schulmusik und absolvierte bei Antenne Thüringen in Weimar sein journalistisches Volontariat. Seit 2019 moderiert er für den Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) im Hörfunk und Fernsehen verschiedene Sendungen.

www.christofer-hameister.de