Podcast "Liszten"

In unserem Festjahr probieren wir uns an einem neuen Format aus. Erstmals produzieren wir den Podcast "Liszten", der insgesamt 15 Folgen umfassen wird.

Wir blicken aber nicht etwa auf unsere Geschichte zurück, sondern wollen mit den Menschen sprechen, die die HfM heute prägen. Wer lehrt und arbeitet hier? Wie haben sie ihren Weg zur Musik und zur HfM gefunden? Und was treibt sie abseits der Musik um? Jeden Monat kommen verschiedene Personen aus Lehre und Verwaltung zu Wort – ungefiltert und ehrlich.

Moderation und Schnitt: Christofer Hameister
Idee und Redaktion: Ina Schwanse


Die Folgen

Shownotes

Christoph Stölzl mit Studierenden bei den Weimarer Meisterkursen 2019 | Foto: Maik Schuck

Von Münchens jüngstem Banjo-Spieler zu Weimars Musikhochschulpräsident – so könnten wir den Weg von Christoph Stölzl knapp beschreiben und würden damit doch viel zu kurz greifen. Unzählige Stationen in Kultur, Wissenschaft, Medien und Politik liegen dazwischen – und der Weg an die Spitze der HfM Weimar war so auch gar nicht geplant. Dass es dann doch so gekommen ist, ist für unseren Altpräsidenten „immer noch ein großes Wunder“.

Ganze zwölf Jahre, von 2010 bis 2022, stand Prof. Dr. Christoph Stölzl der HfM vor – nicht zuletzt auch, weil sie für ihn die „Glücksfabrik“ schlechthin darstellt. Keine Frage also, dass wir ihn im Jubiläumsjahr noch einmal treffen wollen. Im Gespräch mit Christofer Hameister erzählt er, wie er 1974 während seiner Forschungen aus Prag ausgewiesen wurde und wie er sich auf einer Fahrt nach Weimar auf einem thüringischen Feldweg wiederfand. Und er spricht über die besonderen Glückszufälle seines Lebens.

[September 2022]

Transkript der Folge

Christofer Hameister:
Seien Sie gegrüßt zu einer weiteren Folge unseres Podcasts der Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar. Anlass ist der 150. Geburtstag der Musikhochschule. Und damit Sie uns besser kennenlernen, sprechen wir mit Angehörigen der Musikhochschule, und wir sind sehr glücklich, dass wir ihn noch mal ans Mikrofon bekommen haben, denn er hat die Hochschule zwölf Jahre geprägt. Wir begrüßen Alt-Präsident Prof. Dr. Christoph Stölzl. Hallo!

Christoph Stölzl:
Hallo.

Christofer Hameister:
Herr Stölzl, bevor wir richtig anfangen, dürfen sie sich einmal vorstellen mit einem Musikbegriff Ihrer Wahl. Pralltriller, Auflösungszeichen, Fermate, ein Instrument – was ist es bei Ihnen?

Christoph Stölzl:
Also, ich glaube, „Allegro“ ist schon gut. Ich habe mein Leben lang versucht, all das Pflichtmäßige und das, was man tun muss und auch tun will, trotzdem gelassen und mit Humor zu tun. Da ist „Allegro“, glaube ich, der richtige Ausdruck.

Christofer Hameister:
Impliziert das dann auch, dass Sie einer von der schnellen Sorte sind?

Christoph Stölzl:
Ich verbinde das nicht so mit Tempo, sondern in der Leichtigkeit. Man staunt ja, wie Allegro verschieden gedeutet wird von verschiedenen Musikern. Also, das kann ja langsam hüpfend sein oder auch ganz schnell. Also, ich verbinde mehr eine Stimmung damit als eine bestimmte Metronom-Schlagzahl.

Christofer Hameister:
Herr Stölzl, wenn man so durch ihre Biografie schaut… ich will’s mal vorsichtig formulieren: Sie haben eine ziemlich lange Liste von Hobbys – Historiker, Publizist, Museologe, Kulturpolitiker, Geschäftsführer, Chefredakteur, Fernsehmoderator, Hochschulprofessor und nicht zuletzt auch Hochschulpräsident. Im Juni endete Ihre Zeit an der Hochschule. Was liegt nun vor Ihnen?

Christoph Stölzl:
Also, ich gehe nach Berlin zurück und ich werde dann full-time etwas machen, was ich bisher eher nebenher oder zurufend begleitet habe, nämlich die Gründung des Exilmuseums in Berlin. Vor ein paar Jahren gab es eine Initiative im bürgerlichen Berlin, aus bürgerlichen Mitteln eine Gedenkstätte zu schaffen, für die ungefähr 500.000 Menschen, die Adolf Hitler aus Deutschland und aus Österreich, aus den annektierten Gebieten in alle Welt vertrieben hat.

Und ich bin dem Titel nach Gründungsdirektor, schon seit einigen Jahren, obwohl ich da nicht wirklich direkt real gehandelt habe, sondern mehr geistig geholfen habe. Aber ab Sommer bin ich da dann doch ziemlich viel damit beschäftigt.

Christofer Hameister:
Ein roter Faden, der sich durch Ihr Leben zieht, ist ja die Liebe zur Kultur oder zur Geschichte. Woher kam diese Liebe? Wo ist die im Kind oder im Jugendlichen Christoph Stölzl entstanden?

Christoph Stölzl:
Naja, das ist sicher auch etwas individuell Psychologisches – die einen rennen hinter einem Ball her oder springen hoch oder weit oder schwimmen um die Wette. Ich war nicht so super sportlich, habe das schon alles auch im Rahmen des Üblichen gemacht. Aber Bücher und auch Musik waren trotzdem meine große Kindheitsliebe. Ich bin auch früh ein Gitarrenspieler geworden bei den Pfadfindern, war danach ganz junger Jazz-Musiker in München in den späten 50er Jahre.

Meine Familie ist schon eine Kultur-Familie, da gibt es alle möglichen bildenden Künstler, aber auch Literaten darin. Also, das war auch schon eine Familientradition. Ich wusste nach dem Abitur zunächst nicht so ganz genau, was ich mache – und das Geschichtsstudium war dann mehr so das Votum für ein allgemeinbildendes Studium. Was daraus werden würde, wusste ich überhaupt nicht mit 19 Jahren.

Christofer Hameister:
Aufgewachsen sind Sie ja in München und waren dort auch Münchens jüngster Banjo-Spieler. Stimmt das?

Christoph Stölzl:
Ja, ich habe angefangen als Münchens jüngster Banjo-Spieler in einer New-Orleans-Kapelle. Mit 14 Jahren durfte ich da schon mitmachen und ich erinnere mich bis heute: Wo ich zum ersten Mal diesen Klang gehört habe – das war so eine Band mit Tuba, Klavier, Banjo, Schlagzeug und den drei Bläsern – das ist vollkommen andere, einzigartige... das Andere der schwarzen Musik. Bis heute zittert es in mir nach.

Es hat eigentlich später nur einmal so ein ähnliches Erlebnis gegeben, als ich zum ersten Mal Richard Wagner im großen Orchester in der Oper gehört habe, wo man auch so absolut hin und futsch war, so absolut weggeweht war von diesem Gefühlssturm. Aber das war zum ersten Mal mit 14 Jahren mit der New-Orleans-Jazz-Musik.

Christofer Hameister:
Es ist dann aber im puncto Studium nicht bei der Musik geblieben, sondern bei der Geschichte, später dann die Literaturwissenschaft und Soziologie. Wohin die Reise letztlich hingeht beruflich, das wussten sie erst mal nicht. Wann war denn der Punkt erreicht?

Christoph Stölzl:
Na, da gibt‘s so Zufälle natürlich. Also, ich habe angefangen, Geschichte zu studieren. Ich wollte eigentlich Journalist werden oder so. Fernsehjournalist, weil ich mich für Bilder und alles, was mit den Bildern zusammenhängt, auch sehr interessiert und auch als Amateur fotografiert habe und eine Dunkelkammer hatte. Und dann bin ich eben durch einen Professor, den ich mochte, in die Mitteleuropaforschung, Osteuropaforschung hineingeraten. Dann kriegte ich ein DAAD-Stipendium und ging nach Prag. Ich glaube, ich war der erste deutsche Student, der da studieren durfte und geriet hinein in diese Alt-Österreich-Forschung, die ja sehr, sehr spannend ist.

Dann geriet ich in ein Promotionsthema und danach sollte es weitergehen mit der Habilitation. Ich war sehr viel in Wien als Forscher und auch in Prag und bin dann 1974 wieder durch einen Schicksalszufall aus dieser Bahn geworfen worden, obwohl ich schon publiziert hatte und auch an so einem Kafka-Buch saß. Ich wurde, weiß Gott warum, obwohl ich wahrlich nicht spioniert habe, 1974 im März Persona ingrata für die neo-stalinistische ČSSR. Ich stand von einem Tag auf den anderen etwas ratlos da. Denn wenn Sie nicht mehr forschen können an dem Platz, dann können Sie auch das Thema eigentlich aufgeben.

Aus Zufall, der schiere Zufall – Glückszufälle im Leben spielen ja eine gewaltige Rolle – bin ich in der Münchner Uni im Lichthof kurz nach diesem Rauswurf aus der ČSSR einem ehemaligen Gymnasiallehrer von mir begegnet, Hubert Glaser, der damals die erste von diesen ganz großen historischen Ausstellungen organisiert hat – eine Barock-Ausstellung in München. Wie man so ist, war ich schon verheiratet damals, hatte schon Kinder. Da will man ja auch einfach den nächsten Job. Ich habe dann gesagt: „Ich bin ihr Mann. Ich kann das alles, was Sie da brauchen!“ Das war so ein bisschen mutig, um nicht zu sagen: hochstaplerisch. Aber mich interessierten Vermittlungsfragen mindestens genauso viel wie das Im-Archiv-sitzen. Ich wollte ursprünglich auch Universitätsprofessor werden.

Kurzum, ich hatte Glück, ich wurde in dieses Ausstellungsteam genommen und lernte da in diesen zwei Jahren Vorbereitung von 1974–76 eigentlich alles, was ich danach gebraucht habe: Nämlich Kulturpolitik, Kulturmanagement – den Namen hatte das damals gar nicht – wie man Autobusse organisiert und Besucher wohin bringt, wie man Filme schneidet, die in einer Ausstellung gezeigt werden, wie man Infotainment macht, also aus wissenschaftlichen Erkenntnissen etwas, was breite Wirksamkeit haben kann – das lernte ich da im Blitzverfahren und war danach, ehrlich gestanden, verloren für die strenge Wissenschaft, aber immer schon mit dem Blick in die Perspektive eigentlich Kulturmanager zu werden.

Christofer Hameister:
Man merkt, Sie haben sich ein bisschen auf die Zufälle verlassen und auch ein bisschen auf das Glück. Ich meine, Leichtigkeit ist ja auch an sich eine Kunst – und vor allem damit umzugehen: Ach, ich weiß nicht, wie was kommt, aber irgendwie wird es schon laufen. Woher kommt diese Leichtigkeit bei Ihnen?

Christoph Stölzl:
Ich bin Jahrgang 1944. Das heißt, die ersten Erfahrungen 1945, 46, 47 waren sehr schlechte Zeiten. Ich kann mich nicht an Hungern erinnern, aber grenzwertig war das schon. Und ich gehörte der Generation an, für die immer alles besser wurde: Aus gar nichts auf dem Brot wurde Margarine, aus Margarine wurde dann in den 50er Jahren irgendwann mal Butter. Und aus dem Fahrradfahren an den Starnberger See wurde das Trampen an den Gardasee bis dann richtige Reisen draus wurden.

Bis heute habe ich eine Gewissheit, dass im Leben alles gelingt. Jedenfalls in diesen materiellen Fragen. Ich will jetzt nicht von privaten Dingen, von der Liebe, von der Ehe, von den menschlichen Beziehungen reden– da gibt es ja keine Garantie, dass was gelingt. Aber dass es mir als Generationskind gut gehen würde und ich keine Angst haben muss und dass das, was man anpackt, wenn man es mit Leidenschaft und Lust macht und mit Alegría, also mit dieser fröhlichen Leichtherzigkeit, dass es dann auch gelingt.

Ich bin auch nie arbeitslos gewesen. Mein ganzes Leben habe ich nie einen Job gesucht. Die wurden mir immer angeboten. Natürlich kann man sagen: „Der Kerl hat Glück gehabt“. Aber ich habe eben auch etwas gelernt bei diesem ersten Job in dieser Arbeitsgruppe, die diese große Barock-Ausstellung gemacht hat. Das heißt, was ich auch unseren Studenten immer sagen will: Wenn man sich mit Lust und einer, sagen wir mal hinreichenden Allgemeinbildung hineinstürzt, kann man eigentlich jedes Thema erobern. So ist mir das im Leben geblieben. Man kann jedes Thema, auch jede Aufgabe erobern, wenn man sich die Augen wischt und sagt: „So, jetzt in die Hände gespuckt, jetzt geht es los, bis zum Abend weiß ich mehr.“

Christofer Hameister:
Jetzt machen wir einen kleinen Sprung in der Chronologie nach vorne. Da kam dann also Weimar. Stichwort: Hochschulpräsidentschaft. Ich meine, Sie haben ja schon gesagt, sie mussten sich nicht wirklich bewerben. Sie wurden meist angefragt, es muss auch vor 12/13 Jahren gewesen sein, da wurden Sie nach Weimar eingeladen, richtig?

Christoph Stölzl:
Ja, das ist für mich immer noch ein großes Wunder. Soweit ich die Vorgeschichte hier kenne, gab es ein Wahlverfahren oder ein Suchverfahren, was nicht zum gewünschten Ergebnis führte. Am Horizont stand eine große Kürzungsorgie des Landes Thüringen. Und ich glaube, dass dieser Zuruf von einem Mitglied des Hochschulrats „Frag doch mal den alten Stölzl in Berlin“ hier deswegen auf fruchtbaren Boden fiel. Als ich dann im Herbst 2009 zu einem Gespräch kam, da war mir gar nicht klar, dass es da um die Vorstellung fürs Präsidentenamt ging. Ich dachte eher, es wird ein Gedankenaustausch mit dem Hochschulrat.

Als ich hier ankam, da hat so ein Schild unten im Eingang gestanden: „Vorstellungen Präsident, 1. Stock“. Da dachte ich: „Gott, das ist ja fürchterlich, das ist gar nicht so geplant, ich bin doch gar kein Bewerber!“ Denn damals hatte ich einen luxuriösen Beruf. Der Springer-Verlag hat mich engagiert, ich kannte die auch schon länger, als täglichen Kolumnisten für die große Berliner Morgenpost. Das ist ja so ein Familienblatt und da musste ich nichts tun, als jeden Tag um 18:00 Uhr eine Kolumne für die erste Seite von 2.437 Zeichen und bereits redigiert zu übersenden – egal über was, jedes Thema, was ich wollte: Politik oder die Blumen blühen oder Sinfoniekonzert oder ich habe einen Bettler in der U-Bahn getroffen – also einfach vollkommen frei. Es war absolut frei, es war extrem gut bezahlt, also viel besser als das, was dann später in Weimar kam. Darum war ich entspannt bei diesen Gesprächen mit dem Hochschulrat und dem Senat. Ich kannte ja keinen Menschen bis auf das eine Mitglied des Hochschulrates, ein Journalistenkollege, der mir das eingebrockt hat.

Beim Herfahren hatte ich mich noch verfahren, da war so eine Straßensperrung. Ich wollte über die Landstraße von Naumburg kommen, landete am Schluss in einem Acker auf einem Feldweg und ein Bauer mit Traktor hat mir dann irgendwie gesagt, wie ich nach Weimar komme, so dass ich auch nur eine halbe Stunde zu spät war – wodurch man sich ja als Bewerber unmöglich macht. Aber Gott sei Dank war ich ja kein Bewerber, sondern die anderen wollten etwas von mir. Bei diesem, glaube ich, dreistündigen Gespräch, habe ich frei von der Leber weg erzählt, was ich bin und was ich kann und was ich nicht kann.

Ich bin ein Musikant! Ich bin ein der Musik verfallener Hörer! Ich war sozusagen kompetent in der Musik, aber nicht als Musikwissenschaftler und nicht als ernsthafte Musiker. Ich kann schon Musik machen. Meine große Stunde kam vor drei Jahren an Weihnachten, als der studentische Pianist bei der Verwaltungsweihnachtsfeier nicht erschienen ist und es dann ganz schreckliche Stimmung war im Bienenmuseum hier in Weimar und ich mich dann ans Klavier setzte, die Kolleginnen um Verzeihung bat um jeden falschen Ton, den ich spiele. Es ging dann doch leidlich querbeet, und wenn es zu hoch war, habe ich zwei Töne tiefer transponiert.

Ich bin ein Musikant, kein Musiker! Insofern hatte ich keine Angst vor Musik und habe das alles ernstlich und wahrheitsgetreu erzählt, was ich mitbringe, in der Tat politische Erfahrungen. Ich erbleiche nicht, wenn ein Minister streng schaut, sondern sage: „Herr Minister, hier irren Sie.“ Was man eben so lernt durch diese ganze Routine. Was kein Mensch von außen ahnt: Ich würde sagen 70 Prozent sind Sachbearbeitung. Auch wenn Sie einen schönen Titel haben, aber es ist Sachbearbeitung. Ich wusste das also alles, dass man da nicht ins Paradies kommt, sondern in die richtige Arbeit. Also kurzum, als es rum war, fuhr ich nach Berlin zurück und mein Telefon im Auto klingelte. Und die sagten: „Wir haben Sie jetzt gewählt.“ Dann habe ich gesagt: „Halt, halt, Moment, ich habe mich ja gar nicht beworben! Lasst uns mal alle noch mal darüber nachdenken.“ Dennoch wurde daraus dann im Juli 2010 tatsächlich die Berufung.

Christofer Hameister:
Ich meine, Sie hätten ja auch in Berlin bleiben können. Also Sie hatten einen lukrativen Job. Was hat Sie dann an Weimar gereizt?

Christoph Stölzl:
Ja, weil es sozusagen die späte Eheschließung mit meiner lebenslangen heimlichen Geliebten „Musik“ war. Das Nach-Weimar-ziehen war eine Selbstverständlichkeit. Das steht zwar nicht mal im Vertrag drin, da steht nur drin: Man müsse sich im notwendigen Umfang in Weimer aufhalten, aber für mich war das absolut selbstverständlich. So wie ein Hotelier unbedingt im Restaurant und an der Rezeption ständig anwesend sein muss, so war es für mich auch. In Berlin, als Gründer des Deutschen Historischen Museums, habe ich extrem viel Zeit an der Kasse verbracht, weil man da lernt, was das Publikum sagt. Und selbstverständlich muss man da wohnen, wo die Musik spielt, also das war für mich überhaupt keine Frage.

Aber die Riesenchance sozusagen noch mal ein Musikstudium geschenkt zu bekommen, Kenntnisse zu erwerben, die man natürlich nie vorher hatte. In der Tat nach diesen zwölf Jahren bin ich ein echter Musikhochschulrektor und kann auch mitreden. Zu Beginn war das eine Hoffnung – und es ist gut gegangen. Es hätte auch schiefgehen können.

Christofer Hameister:
Jetzt ist es so: Zwölf Jahre der Präsidentschaft sind zu Ende. Was waren denn die größten Herausforderungen der letzten Jahre?

Christoph Stölzl:
Die Herausforderung war, mit diesen Kürzungsideen des Landes zurechtzukommen und diese abzumildern, was uns ja gelungen ist, und notfalls auch Konfrontationen. Das haben wir auch damals gemacht mit dem Minister Matschie, der uns extrem beschneiden wollte. Da haben wir richtig Krawall gemacht, da haben wir ihn auch einmal hierher zitiert, mit Protestkonzert im Haus, was er uns dann natürlich als Revanche, Retourkutsche zurückgeschickt hat in Form einer strengen Evaluierung, ob wir auch wirklich sparsam genug sind. Also, das hat auch Spaß gemacht und da haben wir auch sozusagen gewonnen. Natürlich musste man trotzdem im Inneren möglichst viel reformieren und schlanker machen und mit weniger auskommen. Das war eine lange, lange, auch schwierige Diskussion und wir sind daraus auch gestärkt hervorgegangen. Da bin ich eigentlich auch stolz darauf, dass der Frieden im Haus nie wirklich so gefährdet war, dass einem alles um die Ohren fliegt.

Christofer Hameister:
Herr Stölzl, jetzt fliegen Ihnen gleich Worte um die Ohren, denn wir machen eine kleine, Schnellfragerunde. Ich bitte um kurze Antworten und so schnell wie möglich:
Weimar ist für mich...

Christoph Stölzl:
… ein Kulturparadies.

Christofer Hameister:
Goethe oder Schiller?

Christoph Stölzl:
Das hat mich, so merkwürdig das auch klingt, für einen Jazz-Jüngling seit meiner Gymnasialzeit immer beschäftigt, aber mehr Goethe als Schiller.

Christofer Hameister:
Warum Goethe?

Christoph Stölzl:
Weil ich früh die Briefe entdeckt habe, zum Beispiel die Liebesbriefe an die Frau von Stein oder die anderen Briefe, und dieser Olymp so unglaublich originell menschlich ist, wenn man ihn aus der Nähe betrachtet.

Christofer Hameister:
Wenn Sie eine berühmte Persönlichkeit, egal ob lebendig oder tot, treffen könnten, wer wäre es?

Christoph Stölzl:
Thomas Mann.

Christofer Hameister:
Weil...?

Christoph Stölzl:
Weil ich immer schon geradezu behext, betrunken, verzaubert bin durch diesen großen Sprach- und Denkmagier.

Christofer Hameister:
Privat hören Sie am liebsten Musik von...

Christoph Stölzl:
Wechselnd. Jetzt bin ich grad tief versunken in Filmmusik.

Christofer Hameister:
Herr Stölzl, wenn man das Gespräch bisher auswertet, dann findet ein Wort immer wieder Gebrauch bei Ihnen, und zwar das Wort Glück. Und ohne, dass wir es im Vorfeld erwähnt haben, beschäftigt sich ja auch der letzte Teil unserer Podcast-Folge eben mit dem Thema „Musik und Glück“. Glück ist ja ein Begriff, den man sehr schwer definieren kann. Wie würde Ihre Definition klingen?

Christoph Stölzl:
Ja, das eine ist sozusagen das Zufallsglück, dass einem die richtigen Wege sich öffnen. Das ist ja eine andere Frage als das Glück im Augenblick.

Wann bist du glücklich? Abwesenheit von Schmerz, von Sorge, von Hunger, von Geldnot, von Wohnungsnot. Also, das ist ja alles auch Glück. Aber Glück als existenzielle Erfahrung hat für mich natürlich ganz, ganz stark mit Musik zu tun, weil Musik die Zeit aufhebt. Musik ist ja sowas Erstaunliches. Da können vier Stunden Wagner im Fluge vergehen. Aber jemand, der auf dem Podium sitzt und schlecht und langweilig Klavier spielt, da dehnen sich fünf Minuten ins Unendliche. Da sagt man: „Gott, wann ist es endlich zu Ende?!“

Also, diese Überwindung von Zeit und Raum. Auch die Endkörperlichung, dass sozusagen die Seele losfliegt. Wenn ich da zuhöre, egal ob ich mir Knöpfe ins Ohr tue oder ob ich halbwegs gut in einem Konzertsaal sitze, selbst in Bayreuth, wo man unbequem und hart sitzt.

Es gibt den Moment, wo man sozusagen außer sich gerät, wo die Seele die Flügel ausbreitet, wie es in diesem Eichendorff-Gedicht heißt, und davonschwebt, und Zeit und Raum aufgehoben sind. Jeder, der Musik verfallen ist, so wie ich, kennt das. Ich habe immer wieder Musiktheoretiker auch im Haus gefragt: Könnt ihr mir erklären, wieso man bestimmte Kadenzen, Akkordverwandlungen, gewisse Leitmotive bei Mozart sofort erkennt? Augenblicklich weißt du, dass es Mozart ist – und das macht glücklich. Das ist Glück! Das ist wie so eine Droge! Es ist eine Droge, es geht sofort in den Bauch und die Seele, in den Kopf. Du weißt, es sind diese Töne. Also, das ist Glück, das Außer-sich-geraten. Für mich ist das synonym für Glück.

Christofer Hameister:
Was würden Sie sagen: Was war Ihr persönlich größtes Glück?

Christoph Stölzl:
Na ja, ich habe ein langes und auch buntes, am Schluss patchworkendes Familienleben hinter mir, bin dann noch mittendrin. Aber was man auch öffentlich sagen kann, meine vier Kinder sind schon ein wahnsinniges Glück. Dass die alle das geworden sind, was sie werden wollten, sich frei entfalten konnten. Für mich ist es natürlich auch ein Glück, dass bei so vielen Zufällen – es hätte ja alles schiefgehen können –, ich etwas werden konnte, was ich mir immer gewünscht habe, nämlich nützlich zu sein. Etwas Sinnvolles zu tun. Es gibt viele Berufe, wo man genug Geld verdient und wo man ganz zufrieden sein kann, gibt es ja alles. Aber jemand, der so früh – und es liegt vielleicht auch an der Generation mit einer Familiengeschichte, die ich jetzt gar nicht ausbreiten will, die zutiefst verstrickt ist ins 20 Jahrhundert, vor allem mit Exil, Emigration, Nazizeit, Opfern in der Familie und all dem, wo so furchtbar viel schiefgegangen ist – dass ich zu der glücklichen Generation gehöre, wo alles noch mal gut gegangen ist. Das ist sozusagen ein Langzeitglück, was mich glücklich gemacht hat.

Und Weimar ist auch ein Glück! Das will ich schon mal sagen. Als ich damals hier Ja gesagt habe, habe ich mir gedacht: Na, das schauen wir uns mal an. I do my best. Und wenn es nicht geht – kann ja doch sein, weil ich mit der Organisation von Hochschule buchstäblich vorher nur als Lehrbeauftragter an der Hanns-Eisler-Hochschule und an der FU Berlin zu tun hatte, wo man ja das innere Gefüge nicht kennenlernt. Es ist ja doch etwas anderes als ein Theaterleiter oder eine Intendanz oder ein Ministeramt. Wenn das nicht gut geht, wenn wir uns nicht vertragen oder ich denen nicht leisten kann, was sie sich wünschen, dann sage ich in aller Freimütigkeit: „Lass es uns beenden.“ Ich habe ja schon ein Leben hinter mir. Ist ja keine Schande, wenn man sagt, das passt nicht. Also, das ist auch ein Glück, dass es dann doch gepasst hat.

Und nochmals, weil Sie mich gefragt haben: Diese 600, 700, 800, 900 jungen Leute, die hier das Haus bevölkern, sind auch ein Glück. Die ich ja sehe, auf der Treppe oder vor dem Konzert, nach dem Konzert. Die ich üben höre, über mir, von links, von rechts, von unten, von oben. Diese Verrückten, Begeisterten, die auf das hohe Seil gehen und sich eine Existenz suchen. Ich habe es ja vorher gesagt, von denen es gar keine Sicherheit wirklich gibt. Die sind so ein Glück! Manche lernt man auch näher kennen, wie Mariam Batsashvili, unser georgisches Wunderkind, die mit 16 Jahren hier zum ersten Mal beim Wettbewerb auftauchte, wo ich ganz neu war, und die inzwischen die große internationale Karriere hat.

Also, zuzuschauen, wie Kunst das Leben von jungen Menschen verändert und wie die glücklich werden. Das ist natürlich etwas, ein Strom ständiger Freunde!

Christofer Hameister:
Jetzt feiern wir in diesem Jahr 150. Geburtstag und zu einem richtigen Geburtstag gehören natürlich auch Glückwünsche. Wenn Sie der HfM etwas wünschen dürften, außerhalb von Glück, was wäre es?

Christoph Stölzl:
Also, ich wünsche der Hochschule, dass das Land Thüringen ihr treu bleibt und sie nicht über den Kamm schert mit den normalen Universitäten, weil die Hochschule für Musik wirklich etwas ganz, ganz anderes ist. Das ist natürlich eine University of Music. Sie ist eine Hochschule, gar keine Frage, keine Musikschule. Aber es ist auch eine Künstlersozietät, eine Wissenschaftlersozietät. Das ist eine Lebensgemeinschaft von Menschen, die sich ja viel besser kennen, als es an einer sogenannten Massenuniversität überhaupt der Fall sein kann.

Also, ich hoffe sehr, dass das Land Thüringen dieser großartigen Institution treu bleibt. Erstens, weil für Thüringen hier ein Brennpunkt von Kultur ist. Und zweitens, weil die Menschen aus 51 Ländern, die hierherkommen, ja als Botschafter Thüringens, als Botschafter Weimars, dann in ihre Länder zurückgehen und sozusagen Sympathie, Brücken bauen, die Thüringen, Weimar, aber auch Deutschland insgesamt nach der Geschichte des 20. Jahrhunderts dringend notwendig hat. Also, Treue des Landes Thüringen, das wünsch ich mir. Die Treue hat auch finanzpolitische Seiten, also, dass immer genug da ist, dass man hier die Arbeit tun kann. Das wünsche ich mir.

Dann gibt es so exotische Wünsche, obwohl sie eigentlich ganz normal sind, dass das Land der Hochschule endlich mal einen Konzertsaal baut. Na, hallo! Das gehört doch dazu! Wir machen trotzdem tolle Musik und tolle Konzerte, aber eigentlich wäre das längst fällig.

Und den Kolleginnen und Kollegen und den hier Studierenden aus aller Herren Länder – denen wünsche ich, dass dieser Friedensraum, den diese Hochschule bietet – wo weder Sprache noch Nationalität noch politisches Bekenntnis uns trennen darf – dass das so erhalten bleibt und dass diese Kettenreaktion von Begabung, von Anregung, dass die weiter funktioniert.

Und dass, wenn man hier studiert hat, später sagt: „Ich hatte das Riesenglück in der Kulturstadt Weimar studieren zu dürfen. Ich habe sowohl als Musiker, Musikerin, Wissenschaftler, Pädagoge alles bekommen, was ich fürs Leben brauche, und ich habe zugleich die Begegnung mit diesem einzigartigen Kulturort Weimar gehabt und habe – ob Goethe, Schiller, ob Liszt, ob Bauhaus – hier einfach dermaßen viele Anregungen fürs Leben empfangen, dass ich davon lange, lange zerren kann.“

Also, das ist ja so, was man immer den Leuten an Elite-Universitäten anheftet, die in Harvard oder Oxford studiert haben, und dann den Schlips tragen dürfen mit den Farben ihres Colleges. Sowas haben wir nicht. Aber geistig sozusagen die Farben des Colleges „Hochschule für Musik Franz Liszt“ tragen zu dürfen. Und auch die Begegnung mit dieser außerordentlichen Figur Franz Liszt, der uns immer noch lebendig ist, obwohl er lange im Grabe ruht – leider in Bayreuth und nicht hier. Aber die Begegnung mit solchen Ausnahmefiguren wie Liszt und der Philosophie, die dahintersteckt, und die Begegnung mit Menschen aus der ganzen Welt, das sollte doch ein Lebensschicksal prägen dürfen. Also, das wünsch ich mir, dass diese Glücksfabrik HfM, dass die weiter so gut funktioniert wie bisher, wie ich sie kennengelernt habe.

Christofer Hameister:
Lieber Herr Stölzl, vielen, vielen Dank für dieses sehr interessante Gespräch mit vielen Anekdoten. Eine letzte Anekdote kommt allerdings von mir. Ich erinnere mich nämlich an meine Immatrikulationsfeier. Es war Oktober 2014. Sie haben gesprochen, definierten Weimar als sehr, sehr magischen Ort und begründeten Ihre Aussage mit der Übersetzung Weimars – Wimar, also „der heilige Sumpf“. Jetzt verlassen Sie Weimar nach Berlin. Der Sumpf dort ist definitiv lauter, nicht ganz so heilig wie Weimar. Was werden Sie vermissen?

Christoph Stölzl:
Überall anderswo vermisst man dieses Maß. Also, das Maßvolle an Weimar. Weimar ist eine alte europäische Stadt, wie die alle früher waren, vor allem in der Zeit, als die Musik entstanden ist, die wir immer noch spielen. Wo man zu Fuß alles erreichen konnte, wo es nachts still war, wo man Menschen begegnet ist und ihn nicht dauernd Briefe oder Mails schreiben musste. Also, dieses Weimarer Maß und die absolute Schönheit dieser Stadt, die werde ich natürlich vermissen. Von Sauberkeit wollen wir gar nicht sprechen in Berlin. Weimarer Schönheit werde ich vermissen, aber ich habe jetzt schon eine Bahncard 100. Und ich hoffe, dass ich mir das später auch leisten kann: Ich will so viel wie möglich in Weimar zu Besuch sein – dann entspannt und ohne Amtspflichten –, aber doch meiner Universität, meiner Hochschule die Treue halten und auch den vielen Menschen, die ich hier als Freunde kennengelernt habe.

Shownotes

Foto: Guido Werner

Knopf oder Taste - das ist hier die Frage!

Zum Auftakt unseres Podcasts begrüßen wir Claudia Buder am Mikrofon. Sie ist seit 2018 Professorin für Akkordeon am Institut für Neue Musik und Jazz der Hochschule für Musik FRANZ LISZT in Weimar.

Bewegungsfreude zu vermitteln ist ihr künstlerischer wie pädagogischer Anspruch. Doch nicht nur musikalisch weiß Claudia Buder in Bewegung zu versetzen. Eine weitere Leidenschaft gilt der japanischen Kampfkunst Aikidō. Was die Akkordeonistin außerdem bewegt, erzählt sie im Gespräch mit Christofer Hameister.

Mehr über Claudia Buder: https://claudiabuder.de

[August 2022]

Transkript der Folge

Christofer Hameister:
Herzlich willkommen zu unserem Podcast der Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar. Anlass ist der 150. Geburtstag der Hochschule. Damit Sie uns besser kennenlernen, sprechen wir mit Angehörigen der Musikhochschule. Mein Name ist Christofer Hameister und wir begrüßen heute eine ganz besondere Frau, nämlich Professorin Claudia Buder. Schönen guten Tag.

Claudia Buder:
Ein Hallo in die Runde!

Christofer Hameister:
Bevor wir richtig anfangen, dürfen Sie sich einmal vorstellen, allerdings mit einem Musikbegriff Ihrer Wahl, das Sie am besten beschreibt. Also, das kann ein Tempo-Begriff sein oder ein Auflösungszeichen oder ein Pralltriller…

Claudia Buder:
… oder die Tiefe des Klangs.

Christofer Hameister:
Warum?

Claudia Buder:
Mich interessiert die Klangtiefe, das Spektrum eines Klanges oder die Vielfalt eines Klanges.

Christofer Hameister:
Und was hat das mit Claudia Buder zu tun?

Claudia Buder:
Das hat damit zu tun, dass Claudia Buer auf dem Weg ist, die Musik in all ihren Facetten kennenzulernen, zu erforschen, zu entwickeln und dabei immer auch auf die Qualität des Klanges und auf die Qualität der Tonentstehung zu lauschen.

Christofer Hameister:
Jetzt sind sie schon eine Weile auf dem Weg. Glauben Sie, dass Sie irgendwann ein finales Ziel erreichen werden?

Claudia Buder:
Ich glaube, das wäre schade, wenn man künstlerisch und musikalisch gesehen ankommt. Ich denke, es ist schön, das wie das Universum zu betrachten: Das heißt, die Welt des Klangs ist endlich unendlich.

Christofer Hameister:
Unendlich ist auch ein bisschen Ihre Biografie. So scheint es, wenn man sich mal anschaut. Also Sie sind mittlerweile Professorin für Akkordeon am Institut für Neue Musik und Jazz dort auch Direktorin. Sie haben in Weimar und Essen studiert, mehrfach ausgezeichnet, Lehraufträge im Ausland, CD-Produktionen, Konzerte in Stockholm, bei den Wienern und den BBC Proms… Und wenn Sie dann noch Zeit haben, dann unterrichten Sie auch ihre Studierenden.

Claudia Buder:
Nein, nicht wenn dann noch Zeit ist! Ich glaube, das ist jetzt wirklich ein wichtiger Mittelpunkt und ich finde das fantastisch an der Hochschule zu arbeiten und mit jungen Menschen den Weg der Zukunft zu gestalten. Ich bin jetzt vielleicht frech, aber ich sag das jetzt mal so: Ich arbeite nicht, ich lebe! Das heißt, die Arbeit ist mein Lebenselixier und es ist wichtig im Lebenselixier ein Verständnis für Einatmen, für Ausatmen, für Aktionen, für Gelassenheit, für Pausen zu haben – und genauso versuche ich das zu realisieren.

Christofer Hameister:
Und das gelingt in Weimar ja auch.

Claudia Buder:
Ich finde Weimar als Stadt poetisch wunderschön und ich genieße schon sehr unseren Arbeitsort oben in Belvedere. Was ich fantastisch finde, ist zu studieren, zu arbeiten und dann aus der Tür heraustreten zu können in das Grüne hinein, um dann wieder zurückzukehren. Das ist einfach ein wunderschöner Prozess.

Christofer Hameister:
Das klingt nach sehr viel Segen, aber der ist doch garantiert auch ein bisschen Fluch mit dabei, oder?

Claudia Buder:
Ja, ich sag es jetzt mal so: der Fluch der Bürokratie, der langsam mahlenden Mühlen, der Knöllchen, die dann eingelöst werden. (lacht)

Christofer Hameister:
Also das heißt, Claudia Bruder ist in der Bußgeldstelle Weimar bekannt?

Claudia Buder:
Oh ja, ich entschuldige mich zutiefst, ich bin bekannt.

Christofer Hameister:
Im Zentrum steht bei ihnen im Leben das Akkordeon. Wie kam es eigentlich dazu?

Claudia Buder:
In meiner Kindheit gab es noch nicht das facettenreiche Instrumentenkarussell oder große bunte Vorstellungen von vielen Instrumenten, sondern es gab die Familie und es gab das Vorbild meiner Mutter – und meine Mama spielte Akkordeon. Es war klar, dass auch die Tochter Claudia sich musikalisch beschäftigt und dann kam einfach die Frage auf: Was hältst du von Akkordeon? Und ich: Warum nicht, ja!

Natürlich, wie das immer so ist, der Mozart ist ja noch nicht vom Himmel gefallen. Das heißt, es gab Begeisterung am Anfang. Alles Neue ist interessant und spannend und aufregend, wie es ist im Alter eines Kindes. Die Beständigkeit des Übens – die darf erst entwickelt werden und da geht natürlich nicht jede Freude ein und aus im Haus.

Christofer Hameister:
Aber wie haben Sie es dann trotzdem geschafft dranzubleiben, sich weiterhin zu motivieren?

Claudia Buder:
Auf der einen Seite war es die klare Struktur. Es war klar, bestimmte Abschlüsse zu schaffen. Es war klar, bis zu einem Punkt zu kommen und dann noch mal neu zu entscheiden. Das ist vielleicht manchmal von Vorteil. Auf der anderen Seite ist es natürlich aber auch die Gemeinschaft, mit anderen zusammen zu musizieren, Reisen zu unternehmen und letzten Endes ist es bei mir in der Jugend auch der Erfolg des Wettbewerbes gewesen, wobei ich das natürlich jetzt im Erwachsenenalter mit anderen Augen sehe. Aber als Kind hat es gewirkt. Das heißt, ein Erfolg war unglaublich motivierend.

Christofer Hameister:
So vielseitig wie das Akkordeon auch ist, genießt es auf der Welt unterschiedliches Ansehen – Schifferklavier, Quetsche, ein Instrument zur Unterhaltungsmusik, ein Instrument für die Neue Musik. Sie konzentrieren sich viel auf Neue Musik. Das war aber am Anfang nicht so, oder?

Claudia Buder:
Der Ursprung meiner Eltern, mich beim Akkordeon anzumelden, war die musikalische Beschäftigung und nicht in erster Linie die Musik. Sie kamen dann gar nicht aus dem Staunen heraus, was es alles noch gibt auf diesem Wege. Als Kind bin ich da hineingewachsen. Das heißt, meine Lehrerinnen und mein Umfeld war so geprägt, dass die Neue Musik zum Ausbildungskanon dazugehörte.

Ich habe mich nicht immer mit großen Freuden auf das unbekannte Neue gestürzt, aber ich bin da hineingewachsen und mit der Zeit habe ich diesen Weg wirklich auch lieben gelernt. Ich bin dankbar, dass ich diese Möglichkeit des Wachsens hatte. Das finde ich ganz interessant, weil natürlich auch meine Ohren am Anfang anders geprägt waren, aber sie haben sich eben mit diesem Weg entwickelt.

Christofer Hameister:
Was hat Sie am Ende dazu bewegt zu sagen, ich werde das Ganze weiter professionalisieren und auch studieren?

Claudia Buder:
Das war eben diese Reise ins Unbekannte. Es war auch die Freude, sich mit der Musik auseinanderzusetzen und die Freude, die Musik zu einer Berufung werden zu lassen und sich damit ein Leben lang zu beschäftigen. Es ist doch ganz toll, dass man seine Liebe oder Interesse zu seinem Beruf macht.

Christofer Hameister:
Gab es denn auch einen Plan B?

Claudia Buder:
Das war vielleicht ganz interessant. Als ich in der 10. Klasse war, gab es viele Gespräche, wohin sich das Berufsleben entwickeln könnte und interessanterweise hat mich damals die Biologie und auch die Psychologie interessiert. Das war die Antwort, die ich gegeben habe. Am Ende ist es dann doch das Akkordeon geworden.

Christofer Hameister:
Dennoch gab es da einen Wechsel. Sie sind kurz vor der Wende von Taste auf Knopf gewechselt…

Claudia Buder:
Ja, das hat vielleicht auch ein wenig einen gesellschaftspolitischen Hintergrund. Zu meiner Jugendzeit sind wir oft nach Klingenthal gefahren. In Klingenthal gab es immer den großen internationalen Akkordeonwettbewerb, den es auch jetzt noch gibt und da trafen sich unterschiedliche Nationen, was in der DDR auch gar nicht so üblich ist außerhalb der Messe oder so. Es waren die Franzosen da, es waren die Russen da, es kamen auch Amerikaner.

Gerade die Tradition der Franzosen wie auch der Finnen, die auch anwesend waren, ist ja eine sehr große. Mich haben diese Musiker und Musikerinnen damals unglaublich fasziniert – ihre Spielweise, auch ihre Spielfreude und ihre Virtuosität. Das hat mich alles sehr inspiriert. Dann habe ich gedacht, mein Gott, das würde ich gerne auch machen.

Ein bisschen gab es auch damals natürlich diese Vergleiche: Knopf oder Taste – was ist besser? Letzten Endes sage ich heute, entscheidet der Musiker am Instrument dahinter, was von rauskommt. Aber damals hat mich das einfach wahnsinnig fasziniert und dann habe ich so gedacht, ich wage es einfach.

Ein Aspekt war vielleicht auch noch, das eine finnische Freundin mir angeboten hat, ihre Pigini zu bekommen. Das war für mich natürlich damals eine Aussage! Wow, wir hatten ja damals diese Instrumente aus Klingenthal – die Weltmeister-Akkordeons und eine Pigini, das war etwas Unglaubliches, für uns Unerreichbares. Das war vielleicht auch noch mit so einem Ausgangspunkt.

Christofer Hameister:
Also quasi vom Audi zum Ferrari gewechselt…

Claudia Buder:
Ja, es ist die Frage, wie man das vergleicht. (lacht) Im Nachhinein es gibt ja oft immer diese Umstiegsgeschichten. Es ist natürlich schon gewagt gewesen vom Alter her gesehen – ich war damals 18 Jahre alt – eigentlich viel zu spät. Ich würde es heute in diesem Alter keinem mehr ans Herz legen, aber ich war damals einfach fasziniert von dieser Idee und deswegen habe ich es einfach gemacht.

Christofer Hameister:
Was spricht jetzt für die Wahl von Knopf auf beiden Seiten?

Claudia Buder:
Es gibt diesen berühmten Satz von Immanuel Kant: „Die Hand ist das äußere Gehirn des Menschen“. Im Alter von fünf bis zehn Jahren ist eben gerade diese manuelle Beschäftigung prägend für die Entwicklung des Gehirns. In dieser Anfangszeit gibt es wirklich eine besondere Bedeutung, und wenn ich in der rechten wie in der linken Hand mit gleichen Systemen arbeite, dann kann ich einfach eine unglaublich gute Entwicklung fördern und auch eine Entwicklung des Hörens fördern. Das finde ich einfach unglaublich wertvoll für die junge Generation. Das ist für mich aus heutiger Sicht ein Hauptargument – diese Bewegungsfreudigkeit in beiden Manualen gleichermaßen.

Christofer Hameister:
Frau Bruder, wir haben jetzt viel über das Akkordeon geredet. Wir machen eine Schnellfragerunde, damit wir Sie noch besser kennenlernen. Ich bitte um kurze Antworten:

Weimar ist für mich…
…eine poetische Stadt.

Goethe oder Schiller?
Schiller ist manchmal unterbelichtet. Schiller. Schiller. Schiller!

Liszt oder Bach?
Liszt oder Bach? Hm, Bach müsste doch „Meer“ heißen und natürlich haben wir eine Verantwortung mit unserer Musikhochschule, aber in jedem Falle wäre es bei mir doch erst mal Zeit, ins Meer zu gehen.

Wenn ich alleine im Auto fahre, höre ich…
…Deutschlandradio. Manchmal fahre ich zu schnell, um Musik gut zu hören. Der Pegel ist dann einfach zu hoch. Deswegen nutze ich die Autofahrt zur Information.

Ihr größtes Glück?
Im Leben zu sein.

Was würden Sie im Leben noch mal anders machen?
Ich versuche immer mein Bestes und daher denke ich, der Weg, den ich gegangen bin, ist der wie ich halt bin. Vielleicht gibt es noch mal eine andere Chance, aber ich weiß gar nicht, ob ich noch irgendetwas anderes machen würde. Ich übe halt immer. Das ist das Prinzip.

Welchen Job würden Sie an der Hochschule gerne mal machen?
Welchen Job an der Hochschule? (lacht)

Präsidentin?
Oh, das ist eine große Verantwortung und auch mit viel administrativer Arbeit verbunden. Das erlebe ich jetzt, wo ich sozusagen in einer Festanstellung bin. Ich habe ja vorher freiberuflich gearbeitet und deswegen ist es wirklich eine große Verantwortung. Es hat beides große Vorzüge – zum einen frei zu sein in der Arbeit, Freiberufler zu sein und zum anderen natürlich aber auch die Verantwortung zu haben. Also Präsidentin, ich glaube, da kann noch etwas Reife hinzukommen.

Dann fragen wir in ein paar Jahren noch mal nach…

Christofer Hameister:
Unsere Podcast -Folge mit Ihnen trägt den Titel „Musik und Bewegung“. Jetzt haben wir uns nur im Bereich der Musik bewegt, aber was vielleicht einige nicht wissen: Bei Ihnen spielt Bewegung eine zentrale Rolle in ihrem Leben. Sie betreiben nämlich Aikidō. Was ist das?

Claudia Buder:
Aikidō kommt aus dem Japanischen und setzt sich aus drei Silben zusammen: ai, ki und dō. Dō ist „der Weg“, ki wird übersetzt mit „Lebensenergie“ und ai bedeutet „Harmonie“. So können wir also zusammenfassen: Aikidō ist der Weg, die Lebensenergie in Harmonie zu bringen. Auf die Kampfkunst bezogen, bedeutet dies, dass ich einem Angriff in erster Linie keinen Block entgegensetze, sondern ich versuche die Bewegung des Angriffes aufzunehmen, um daraus etwas zu entwickeln, was den Angriff im Sinne von Sieg und Niederlage auflöst.

Christofer Hameister:
Das habe ich jetzt alles verstanden, aber warum betreiben Sie das? Vor wem oder was müssen Sie sich schützen?

Claudia Buder:
In erster Linie war mein Gedanke kein Schutzgedanke, sondern ich habe es einfach gesehen und mich schlichtweg beim ersten Betrachten in diese Kampfkunst verliebt. Das war’s. Ich war einfach begeistert von dieser Art der Bewegung. Das war wirklich Liebe auf den ersten Blick. Ich konnte nicht anders, ich musste das einfach machen. Ich habe dabei in gar keiner Linie an irgendeinen Schutz gedacht.

Christofer Hameister:
Jetzt ist es natürlich etwas schade, dass wir das nicht sehen können, aber Sie können es ja beschreiben, um uns alle mitzunehmen. Wie kann man sich das vorstellen?

Claudia Buder:
Also, es kommt zack ein Faustschlag in die Magengrube! Die Kunst besteht darin, rechtzeitig auszuweichen und bei diesem Ausweichen eben nicht zu fliehen, sondern vielleicht sogar genau in die Höhle des Löwen hineinzugehen. Das heißt, man bewegt sich genau in die Richtung aus der der Angriff kommt und nimmt dabei den Angriff auf. Das würde bedeuten, ausweichend den Griff aufnehmen und zu einer anderen Bewegung führen.

Vielleicht ist es ein gewagtes Beispiel, denn wir wissen, Faustschlägen können sehr schnell sein. Wir trainieren natürlich auch diese Aufmerksamkeit der Wahrnehmung und letzten Endes ist dann sogar das Ziel, dass es gar nicht zum Angriff kommt.

Christofer Hameister:
Wie oft betreiben Sie das?

Claudia Buder:
Ich trainiere zweimal wöchentlich. Wenn ich noch mehr Zeit hätte, würde ich vielleicht noch mehr machen. In einem japanischen Dojo wird traditionell jeden Tag Training angeboten, und alle, die das professionell machen, trainieren auch mehrere Stunden am Tag. Und wir sehen das auch bei den Shaolin-Mönchen: Die trainieren Jahrzehnte acht Stunden täglich. Da ist es nicht verwunderlich, wenn man die Fähigkeit besitzt, eine Nadel durch das Glas zu werfen.

Christofer Hameister:
Was ich noch nicht ganz verstanden habe: Man spricht von Kampfkunst, aber jetzt lese ich, es ist wenig Kampf und mehr Kunst…

Claudia Buder:
Sagen wir es so: Diese Kampfkunst soll kampfwirksam sein. Wenn sie nicht kampfwirksam ist, dann befinden wir uns wirklich im Bereich der Kunst. Aber ausgehend von der alten Samurai-Tradition geht es wirklich darum, dass das, was ich ausübe auch eine Wirkung hat. In diesem Sinne ist es eben nicht nur Kunst. Aber ich gebe zu, man kann natürlich trefflich darüber debattieren, ab wann etwas wirksam ist.

Ich weiß auch, dass es im Aikido wirklich unterschiedlichste Stilistiken gibt, so unterschiedlich wie halt eben die Menschen sind. Das heißt, es gibt Aikidō-Formen, in denen man fast ohne Kontakt übt, wirklich versucht, mit mentaler Bewegung zu trainieren. Das nennt man dann Ki- Aikidō. Ich kenne aber genauso gut Aikidō-Ausübende, die wirklich in Richtung Judo mit ganz klaren Schritten, ganz klaren Techniken und Griffen üben. Also, es ist einfach alles möglich. Es gibt eine große Palette so groß wie die Palette der Menschen.

Christofer Hameister:
Aber Wettbewerbe oder Ähnliches gibt es nicht.

Claudia Buder:
Das ist eben das Schöne. Es gibt beim Aikidō keinen Wettbewerb, weil es zur Grundphilosophie gehört, dass es keinen Sieger und keinen Verlierer geben sollte. Ich finde das spannend. Es gibt eine tiefe philosophische Dimension auch hinter den Techniken der Kampfkunst. Es geht eben darum, diesen Teufelskreislauf zu durchbrechen – nicht „Ja, ich hab dich jetzt besiegt. Du liegst am Boden Ich bin oben.“ Sondern es geht darum, eine Situation zu schaffen, in der alle sich weiterentwickeln können, aber natürlich eine Situation, in der ich die Situation auch bewältige.

Christofer Hameister:
Aktuell bewältigen sie die Situation an der Hochschule als Direktorin des Instituts für Neue Musik und Jazz. Das klingt nach sehr viel Administrativem und wenig Musik. Ist das Fluch und Segen zugleich?

Claudia Buder:
Ja, vielleicht sind es die zwei Seiten einer Medaille. Ich denke, es ist für uns ein großes Privileg, dass wir demokratisch agieren können. Demokratie bringt eben auch Herausforderungen mit sich, alle Stimmen zu hören, Meinungen mit einfließen zu lassen, gemeinsam zu gestalten. Vielleicht wäre Demokratie in der heutigen Zeit einfach zu gestalten, wenn das nötige Maß an Vertrauen auch dabei ist. Aber ich sehe natürlich die Herausforderung, alle Stimmen mitzunehmen und gemeinsam zu gestalten.

Wie kann das möglich sein? Das ist eben dann möglich, wenn wir uns die Zeit dafür nehmen und auch Zeit dafür nehmen müssen, andere zu hören. Somit würde ich sagen, es ist auf der einen Seite ein Segen. Aber wenn wir die Notwendigkeit haben, bestimmte Entscheidungen durch unterschiedliche Gremien hindurchfließen zu lassen, dann kann es eben manchmal gefühlt ein Flug sein, weil es eben so ewig lang dauert und weil sich mit diesem Weg durch diese Gremien auch so viel Zeit und so viele Entscheidungen auch manchmal wandeln.

Christofer Hameister:
Wenn wir schon bei den Wünschen sind, blicken wir mal in die Zukunft. Vielleicht nicht die nächsten 150 Jahre, aber die nächsten 15. Was wünschen sie sich fürs Akkordeon?

Claudia Buder:
Ich wünsche mir, dass das Instrument sich weiterentwickelt und entfaltet und dies in der Gemeinschaft mit allen anderen Instrumenten. Das ist das Wertvolle. Ich glaube, dass das Akkordeon ein wunderbares Instrument im Ensemble ist. Es ist quasi unser Chamäleon, was so viele Farben hat, so viele Farbenstärken annehmen kann. Deshalb wünsche ich mir, dass wir gemeinsam die Musik weiterentwickeln. Darin sehe ich einen großen Reichtum für das Instrument. Das Instrument hat eine wunderbare Farbe und kann die Zukunft der Musik mitgestalten.

Christofer Hameister:
Möge auch die Zukunft des Akkordeons in Weimar weitergestaltet werden. Liebe Claudia Buder, vielen, vielen Dank für dieses reizvolle Gespräch!

Claudia Buder:
Ich bedanke mich genauso und alles Gute!

Foto: privat

Der Moderator

Christofer Hameister (27) studierte an der Hochschule für Musik FRANZ LISZT in Weimar Schulmusik und absolvierte bei Antenne Thüringen in Weimar sein journalistisches Volontariat. Seit 2019 moderiert er für den Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) im Hörfunk und Fernsehen verschiedene Sendungen.

www.christofer-hameister.de