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Bedrohte Musikschätze: Der UNESCO-Lehrstuhl für Transcultural Music Studies kämpft darum, Musiker*innen in Afghanistan und ihr kulturelles Erbe zu schützen

Afghanische Laute "Rubab" | Foto: Guido Werner

Bedrohte Musikschätze: Der UNESCO-Lehrstuhl für Transcultural Music Studies kämpft darum, Musiker*innen in Afghanistan und ihr kulturelles Erbe zu schützen

Wiederholt sich in Afghanistan die Geschichte? Bereits unter der ersten Herrschaft der Taliban ab 1996 war es verboten, Musik zu hören und zu praktizieren. Tonträger und Archive wurden zerstört und Musiker*innen verfolgt und ins Exil getrieben. Mit der erneuten Machtübernahme droht die Gefahr, dass das vielfältige und einzigartige Kultur- und Musikleben wieder verstummen wird.

Mit Sorge blicken wir und insbesondere Prof. Dr. Tiago de Oliveira Pinto nach Afghanistan. „Mit dem Einzug der Taliban wurden als erstes die Lautsprecher ausgeschaltet“, weiß der Inhaber des UNESCO-Lehrstuhls für Transcultural Music Studies. Täglich steht er im Austausch mit Musiker*innen und Wissenschaftler*innen in Afghanistan. Seit fast zehn Jahren arbeiten der Musikwissenschaftler und sein Team daran, die musikalischen Schätze des Landes zu bewahren und in Konzerten und Workshops in Weimar und auch in anderen Teilen Deutschlands zu Gehör zu bringen.

Das Afghanistan Music Research Centre (AMRC), das 2014 an unserer Hochschule gegründet wurde und hier beheimatet ist, digitalisiert die analogen Bestände des Musikarchivs von Radio Television Afghanistan (RTA), das einzige Musikarchiv des Landes, das wertvolle Aufnahmen bis in die 1940er Jahre zurück umfasst. Am AMRC werden zusätzlich die nunmehr über 1.000 Klangaufnahmen und Videoproduktionen aufbewahrt, die in Weimar entstanden sind.

Darüber hinaus gab es gemeinsame Unterrichtsmodule und Forschungsprojekte mit dem Department of Music der Kabul University. Mit dem Projekt „Safar“ bestand zudem ein jahrelanger künstlerischer Austausch mit afghanischen Meistermusikern des Afghanistan National Institute of Music (ANIM). In Konzerten und Workshops vermittelten sie das reiche musikalische Erbe und brachten es wieder zum Klingen.

„All diese Menschen, die Musik gespielt und unterrichtet haben – darunter auch viele Mädchen und Frauen – sind jetzt in Gefahr“, so Prof. Pinto. Dringendstes Anliegen daher sei es, sie zu schützen und sie bei ihrer Ausreise in sichere Gebiete zu unterstützen.

Auch die Sicherung der Datenträger des RTA-Archivs steht weit oben auf der Agenda. Seit drei Jahren bemüht sich der UNESCO-Lehrstuhl für Transcultural Music Studies darum, ein Backup außerhalb Afghanistans zu realisieren, um die historischen Aufnahmen zu schützen und zu erhalten. Da das Musikarchiv unter der bisherigen Führung als nationales Kulturgut höchsten Ranges gilt, hatte die Regierung einem Backup im Ausland jedoch nicht zugestimmt. „Der kulturelle Verlust wäre nicht zu bemessen, sollten die verbleibenden, noch nicht gesicherten Aufnahmen zerstört werden“, erklärt Prof. Pinto.

„Dennoch“, fügt er hinzu, „an oberster Stelle stehen die menschlichen Schicksale: Dem Auswärtigen Amt liegen die Namenslisten derer vor, von denen wir die letzten Jahre so viel lernen durften, mit denen wir zusammengearbeitet haben, und die uns, unseren Studierenden und auch dem Publikum in Deutschland, auf besondere Weise ans Herz gewachsen sind.“

[20.08.2021]