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Neu auf YouTube: Tehila Nini Goldstein und Jascha Nemtsov interpretieren Werke des verfolgten jüdischen Komponisten Gustav Lewin

Prof. Dr. Jascha Nemtsov | Foto: Rut Sigurdardóttir

Neu auf YouTube: Tehila Nini Goldstein und Jascha Nemtsov interpretieren Werke des verfolgten jüdischen Komponisten Gustav Lewin

Im Rahmen des Festjahres „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ hat die Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar auf ihrem international rezipierten YouTube-Kanal drei neue Videos mit Werken des verfolgten jüdischen Komponisten Gustav Lewin (1869-1938) veröffentlicht.

Die Werke Lewins, der von 1898 bis zu seinem Tod 1938 in Weimar lebte und wirkte, sind auf YouTube in der Interpretation von Prof. Dr. Jascha Nemtsov (Klavier) und Tehila Nini Goldstein (Sopran) zu erleben. 

Der musikalische Nachlass von Gustav Lewin wird im Hochschularchiv | THÜRINGISCHES LANDESMUSIKARCHIV an der Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar aufbewahrt.

Die vorliegenden Aufnahmen entstanden bei einem Gesprächskonzert im Rahmen der Tagung „Verfolgte Musiker im nationalsozialistischen Thüringen“ des Instituts für Musikwissenschaft Weimar-Jena am 13. November 2020. In diesem Konzert wurden Lewins Werke größtenteils zum ersten Mal seit den 1930er Jahren aufgeführt.

Gustav Lewin stammte aus Berlin und profilierte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Dirigent, Pianist und Komponist. 1901 wurde er an die Weimarer Großherzogliche Musikschule (die heutige Hochschule für Musik) berufen. 1922 erhielt er den Titel Musikdirektor. Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten wurde Lewin 1933 aus seinen Ämtern an der Musikhochschule fristlos entlassen. Sein Nachfolger war der NS-Musiker Paul Sixt, der 1938 die berüchtigte Ausstellung „Entartete Musik“ mitkonzipierte und 1939 Rektor der Musikhochschule wurde. 

Seinen Ausschluss aus dem Kulturleben konnte Lewin nicht begreifen, denn er fühlte sich stets der deutschen Kultur zugehörig. Nach seiner Entlassung schrieb er im Juli 1933 an das Thüringer Volksbildungsministerium: „Meine Einstellung war stets deutsch und national, ich fühlte nur deutsch, und es ist nicht nur in Kunstkreisen Weimars bekannt, daß mein Leben nur der deutschen Kunst, speziell der deutschen Musik gewidmet war – Deutschsein im Sinne Richard Wagners war für mich eine Selbstverständlichkeit.“ 

Lewins musikalische Wurzeln liegen in der Tat in der deutschen Romantik. Sein Klavierstück „Caprice“ wurde 1902 von einem „Preisgericht“ der Neuen Musik-Zeitung ausgezeichnet und für die Publikation empfohlen. Besonders erfolgreich wirkte Lewin auf dem Gebiet der Vokalmusik: Seine Vertonungen von Texten zeitgenössischer Dichter, darunter Ernst Ludwig Schellenberg („Waldesstille – Waldesdunkel“ oder „Volksweise“), mit dem Lewin persönlich befreundet war, wurden in verschiedenen Verlagen publiziert und oft aufgeführt, u.a. in Konzerten der Weimarer Vereinigung für zeitgenössische Tonkunst.

Das Ehepaar Lewin war freundschaftlich mit der herausragenden jüdischen Sängerin und Lewins Kollegin an der Großherzoglichen Musikschule Jenny Fleischer-Alt verbunden, der das Lied „Volksweise“ gewidmet ist. Jenny Fleischer-Alt beging 1942 angesichts der drohenden Deportation Selbstmord.

Gustav Lewin war bereits seit den späten 1920er Jahren durch den wachsenden Einfluss des Nationalsozialismus in Thüringen antisemitischen Angriffen und Verleumdungen ausgesetzt. Aufgrund zunehmender staatlicher Verfolgungen nach 1933 und wegen wiederholter persönlicher Anfeindungen – auch seitens seiner früheren Freunde wie Schellenberg, Komponistenkollegen wie Richard Wetz oder ehemaligen Schülern – nahm Lewin sich im Oktober 1938 das Leben, indem er die Nahrungsaufnahme verweigerte. 

Der Pianist und Musikwissenschaftler Jascha Nemtsov wurde 1963 in Magadan (Russland) geboren und absolvierte das St. Petersburger Staatliche Konservatorium. Er lebt seit 1992 in Deutschland. Nemtsov wurde 2013 als Professor für die Geschichte der jüdischen Musik an die Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar berufen. Darüber hinaus ist er Akademischer Direktor der Kantorenausbildung des Abraham Geiger Kollegs Potsdam und Mitglied des Instituts für Jüdische Theologie der Universität Potsdam.

Als Pianist konzertiert er weltweit solistisch und gemeinsam mit Kammermusikpartner*innen wie David Geringas, Tabea Zimmermann oder Kolja Blacher. Er nahm bislang rund 40 CDs auf, darunter zahlreiche Ersteinspielungen von Werken jüdischer Komponisten. 

Die israelische Sängerin Tehila Nini Goldstein und Jascha Nemtsov arbeiten seit nunmehr zehn Jahren zusammen. Ihr erstes gemeinsames Projekt war die Wiederentdeckung des herausragenden deutsch-jüdischen Komponisten Jakob Schönberg mit der Doppel-CD „Another Schönberg“, die international viel Beachtung fand.

Das Duo verbindet unter anderem sein Interesse an der jüdischen Musik des 20. Jahrhunderts. So hat es mehrere Konzertprogramme mit Werken jüdischer Komponisten wie Mieczyslaw Weinberg, Mosche Milner oder Joseph Achron gestaltet. Sein bislang wichtigstes Projekt war die weltweit erste Einspielung des gesamten Zyklus „Coplas Sefardies“ von Alberto Hemsi auf drei CDs (2020).  

Links zu den Werken von Gustav Lewin auf YouTube:
Zwei Lieder: https://youtu.be/0vOwTYNC9n0  
Caprice: https://youtu.be/AcNfxVhPf5A  
Drei Lieder: https://youtu.be/lpaXPIkquOw  

Link zum YouTube-Kanal: www.youtube.com/hfmfranzlisztweimar  

Nähere Informationen: https://stolperstein-geschichten.de/geschichten/gustav-lewin/ 

[04.05.2021]