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Doppelter Livestream: Festvortrag des Antisemitismus-Forschers Wolfgang Benz und Konzert mit Tehila Nini Goldstein und Jascha Nemtsov

Doppelter Livestream: Festvortrag des Antisemitismus-Forschers Wolfgang Benz und Konzert mit Tehila Nini Goldstein und Jascha Nemtsov

Im Rahmen der wissenschaftlichen Tagung „Verfolgte Musiker im nationalsozialistischen Thüringen. Eine Spurensuche II" am 12. und 13. November an der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar kommt es zu einem doppelten Livestream.

Den Beginn macht der Festvortrag des ehemaligen Leiters des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin, Prof. Dr. Wolfgang Benz. Er spricht am Freitag, 13. November um 17:30 Uhr zum Thema „Vor der Katastrophe. Juden und Judenfeinde in der Weimarer Republik“. Der Vortrag ist im Livestream auf www.hfm-weimar.de zu sehen.

Der international anerkannte Forscher der Zeit des Nationalsozialismus, Prof. Dr. Wolfgang Benz, beschreibt den Inhalt seines Vortrags mit folgenden Worten: „Novemberrevolution und Furcht vor dem Bolschewismus traumatisierten die konservativen Eliten nach dem Ersten Weltkrieg. Die Schuld am Zusammenbruch der alten Ordnung wurde ‚den Juden‘ zugeschrieben von denjenigen, die sich der Demokratie verweigerten. Judenhass wurde gesellschaftliche Norm, die sich im latenten Antisemitismus und gelegentlich in Gewalt wie im Berliner Scheunenviertel-Pogrom 1923 zeigte.

Die Verschwörungsphantasien der ‚Protokolle der Weisen von Zion‘ hatten Konjunktur. Politische Morde an prominenten Juden – Kurt Eisner 1919 oder Walter Rathenau 1922 – waren Ausdruck von Antisemitismus und rechtsextremer Gesinnung. Die Agitation der NSDAP brachte schließlich die Abwehr der Demokraten zum Erliegen. Mit Hitlers Machterhalt im Januar 1933 wurde Antisemitismus Staatsdoktrin.“

Im Anschluss interpretieren Tehila Nini Goldstein und Jascha Nemtsov Lieder und Klaviermusik der verfolgten und vergessenen jüdischen Komponisten Hans Heller, Joachim Stutschewsky und Gustav Lewin aus Thüringen, die zum großen Teil erst kürzlich wiederentdeckt wurden.

Ihr Konzert am Freitag, 13. November um 20:00 Uhr ist ebenfalls im Livestream auf www.hfm-weimar.de zu erleben.

So wird der Nachlass des Komponisten Hans Heller (1898-1969) aus Greiz erst seit etwa zwei Jahren ausgewertet. Inzwischen ist offensichtlich, dass es sich um einen der bedeutendsten Komponisten seiner Generation handelt – dessen Werk aber durch die Verfolgung in der NS-Zeit aus der Musikgeschichte vollständig eliminiert wurde.

Heller floh 1933 nach Frankreich, wurde nach der Besetzung Frankreichs zunächst in ein Internierungslager gebracht und musste später schwere Zwangsarbeit in der sogenannten Organisation Todt leisten. Einen Tag vor der geplanten Deportation nach Auschwitz wurde er von einer SS-Angestellten gewarnt und konnte fliehen: Hans Heller überlebte dann in einem Versteck der Résistance.

Aufgeführt wird u.a. Hellers Klaviersonate, die er 1927 noch während seiner Studien komponierte und die eine geradezu erstaunliche Meisterleistung und Originalität des damals jungen Komponisten offenbart. Außerdem steht sein Liederzyklus „Vom kleinen Alltag“ (1930) nach Texten von Anton Wildgans auf dem Programm.

Joachim Stutschewsky (1891-1982) wirkte in Jena. Er war nicht nur Komponist, sondern auch Cellist und Musikforscher. Eines der aktuellen Projekte des Weimarer Lehrstuhls für die Geschichte der jüdischen Musik ist die erstmalige Publikation von Stutschewskys literarischem Nachlass. Stutschewsky gehörte vor dem 1. Weltkrieg als Cellist zum Jenaer Streichquartett und trat mehrfach solistisch mit dem Universitätsorchester auf.

Ab 1938 lebte er in Israel, schrieb aber weiterhin nur auf Deutsch. In seinen Werken verwendete er oft traditionelle jüdische Melodien aus Osteuropa, so auch in seinen „Vier jüdischen Tanzstücken“ für Klavier, die auf dem Programm des live gestreamten Konzerts stehen.

Schließlich werden noch mehrere Werke von Gustav Lewin (1869-1938) zu hören sein, darunter das Klavierstück „Caprice“ und einige Lieder. Lewin lebte ab 1898 in Weimar, wo er als Komponist, Dirigent und Pädagoge an der Musikhochschule wirkte. Im Juli 1933 wurde er aus seinen Ämtern an der Musikhochschule entlassen.

Aufgrund zunehmender staatlicher Verfolgungen und persönlicher Anfeindungen – auch seitens seiner früheren Freunde und Schüler – nahm er sich im Herbst 1938 das Leben, indem er die Nahrungsaufnahme verweigerte. Auch seine Werke werden nun zum ersten Mal seit vielen Jahrzehnten aufgeführt.

[10.11.2020]