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Wider die Geschichtsmüdigkeit: Musikwissenschaftlerin Dr. Inna Klause spricht über Musikausübung in Zwangslagern

Dr. Inna Klause | Foto: Alexander Burzik

Wider die Geschichtsmüdigkeit: Musikwissenschaftlerin Dr. Inna Klause spricht über Musikausübung in Zwangslagern

Um den weiblichen Nachwuchs in Wissenschaft und Kunst zu fördern, hat die HfM Mittel vom Land Thüringen erhalten. Neben der Pianistin und HfM-Absolventin Alina Bercu hat Dr. Inna Klause ein Stipendium erhalten, um sich weiter zu qualifizieren. Aufbauend auf ihre Dissertation über Musikausübung im sowjetischen Gulag strebt sie in ihrer Habilitationsschrift nun einen Vergleich mit nationalsozialistischen Konzentrationslagern an. Betreut wird sie dabei von Prof. Dr. Jascha Nemtsov. UNISONO traf die Musikwissenschaftlerin zum Gespräch.

Frau Klause, warum beschäftigen Sie sich mit Musik im Gulag und in NS-Lagern?

Für meine Magisterarbeit habe ich in der sibirischen Stadt Magadan zu Vladislav Zolotarev gearbeitet, einem Komponisten, der in den 1960er Jahren dort gelebt und Akkordeon studiert bzw. für Akkordeon komponiert hat. Während dieser zwei Wochen wurde ich sehr stark mit der Gulag-Geschichte konfrontiert.

Ich kam damals mit dem Hintergrundwissen dahin, dass Musiker und Komponisten in der Sowjetunion angeblich weniger durch die stalinistischen Verfolgungen betroffen sein sollten als andere Künstler. In einer kleinen Ausstellung im Heimatkundemuseum sind dann doch einige Musiker vorgekommen, was mich hat aufhorchen lassen.

Ein Anstoß zum Vergleich war, dass nach jedem Vortrag zu meinem Dissertationsthema fast immer die erste oder zweite Frage war: Wie ist das denn im Vergleich zu den nationalsozialistischen Konzentrationslagern? Da habe ich mir gesagt, dass diese Frage von wissenschaftlicher Seite einmal angegangen werden muss.

Welche Aspekte haben Sie in Ihrer Dissertation betrachtet?
Einen relativ großen Raum nimmt die verordnete Musikausübung ein: Einerseits welche Ziele die Verwaltung verfolgte und andererseits wie die Häftlinge die Verordnung von Musik empfunden haben. Magadan ist ein Schwerpunkt für die 1940er/1950er Jahre. Für die früheren Jahre sind es Solowki, der Bau des Weißmeer-Ostsee-Kanals und des Moskau-Wolga-Kanals, die beide von Häftlingen realisiert wurden.

Ein zweites großes Thema ist die selbstständige Musikausübung, das Bedürfnis der Häftlinge, Musik zu machen, um ihre Lage zu verarbeiten. Geheime Konzerte gab es auch, natürlich in viel beschränkterem Maße als die verordnete Musikausübung. Es gibt Überlieferungen, dass es Häftlingen gelungen ist, im Lager Musikinstrumente zu bauen und auch aufzubewahren, ohne dass sie entdeckt wurden.

Wie wird der Vergleich aussehen?

Es werden im ersten Schritt Formen und Kontexte des befohlenen Musizierens auf der einen und des selbstbestimmten Musizierens auf der anderen Seite verglichen sowie das dabei erklungene Repertoire, und zwar lagerübergreifend. Ich möchte mich nicht auf einzelne Lager beschränken, um möglichst alle vorgekommenen Phänomene zu berücksichtigen. Im zweiten Schritt vergleiche ich dann Funktionen und Auswirkungen der Musikausübung auf einzelne beteiligte Gruppen: Lagerleitung, -bedienstete, Häftlinge und Zivilisten.

Wie ist die generelle Forschungslage zu Musik in den sowjetischen und nationalsozialistischen Lagern?
Was den Gulag betrifft, ist die Lage relativ dünn. Es gibt einzelne Biografien zu herausragenden Persönlichkeiten und vereinzelt Buchpublikationen und überlieferte Berichte von Häftlingen zu dem Phänomen des Theaters. Wirklich zusammenfassende Darstellungen gab es vor meiner Arbeit nicht. Dabei ist die Quellenlage in öffentlichen und auch privaten Archiven erstaunlich gut. Auch das Internet ist heute eine sehr gute Quelle.

Zu NS-Lagern ist in der DDR schon relativ früh geforscht worden, vor allem in Bezug auf Buchenwald. Lieder, insbesondere Lieder kommunistischer Gesinnung, wurden stark untersucht, auch um zu zeigen, dass im Lager Widerstand geleistet wurde. In der Bundesrepublik hat man sich wissenschaftlich erst Ende der 1980er Jahre diesem Thema zugewendet. Seitdem sind bereits viele sehr gute Arbeiten entstanden.

Warum finden Sie es wichtig zu erforschen, wie Musik in Zwangslagern ausgeübt wurde?
Man muss sich vor Augen führen, wie groß der Verlust für das Musikleben in der Sowjetunion gewesen sein muss. Es sind sehr viele Musiker und Komponisten dem Musikleben entzogen gewesen. Ich finde es wichtig, auf diese Schicksale hinzuweisen.

Noch zu wenig wertgeschätzt wird auch die Rolle, die die Häftlinge nach ihrer Freilassung gespielt haben. Sie durften nicht an ihren ursprünglichen Wohnort in den großen Städten zurückkehren und brachten so das Musikleben und die Musikausbildung in den provinziellen Städten zum Aufblühen.

Auch die Rolle des selbstständigen Musizierens ist bedeutsam. Insbesondere Gedichte und Lieder geben uns Auskunft darüber, wie die Umstände im Gulag tatsächlich waren, denn die offiziellen Berichte aus den Lagern sind mit Sicherheit frisiert.

Die Erforschung der Musik in Zwangsarbeitslagern trägt auch zum Verstehen des 20. Jahrhunderts und der totalitären Staaten bei. Ich beobachte, dass es in beiden Ländern eine gewisse Müdigkeit gibt, dass schon genug gesagt worden sei darüber. Aber ich finde, dass es wichtig ist, weiter dranzubleiben. Und das ist ein kleiner Beitrag, den ich leisten kann.

Was bedeutet das Stipendium für Sie?
Es ist eine enorme Erleichterung für mich. Ohne das Stipendium könnte ich nicht an dem Thema arbeiten. Ich war und bin auch jetzt noch als Dramaturgin beim Symphonie Orchester Göttingen beschäftigt, aber mein Herz ist eher in der Wissenschaft zu Hause. Es ist wirklich eine Luxussituation, dass ich jetzt Zeit habe, wieder wissenschaftlich zu arbeiten und dabei von einem ausgewiesenen Experten wie Prof. Dr. Jascha Nemtsov beraten zu werden. Auch der Austausch mit Studierenden in Seminaren bedeutet mir viel.


Vielen Dank für das Gespräch.
Die Fragen stellte Ina Schwanse