GUZO, oder die Suche nach den Ursprüngen der äthiopischen Musik

Wie kaum ein anderer südlich der Sahara gelegener Kulturraum erfuhr das alte Abessinien seit der Antike die Aufmerksamkeit abendländischer Literaten und Gelehrter. Zu den bekanntesten zählten der griechische Philosoph Herodot, der phönizisch-syrische Autor Heliodor, der Orientalist Job Ludolf und der Aufklärer Adolph Freiherr Knigge.
Im Gegensatz zu anderen afrikanischen Regionen, in denen die Sprachen der Kolonialmächte wesentlichen Einfluss auf die Ausbildung der Kultur nahmen, spielte dieser Faktor in Äthiopien nur eine untergeordnete Rolle. Äthiopien ist das einzige Land in Afrika, das nicht über einen längeren Zeitraum Kolonie einer europäischen Nation war.
Die ungewöhnliche kulturelle Dichte hat in der Region einen großen musikalischen und literarischen Reichtum hervorgebracht. Die drei großen monotheistischen Religionen sind hier seit Anbeginn vertreten. Liturgische Musik koptischer Mönche brachte bereits im 4. Jahrhundert das Christentum in die Region. Im 7. Jahrhundert gelangte der Islam nach Äthiopien und die Anwesenheit der als Falasha bezeichneten Juden geht womöglich bis in das 3. Jahrhundert zurück. Das äthiopische musikalisch-kirchliche Zeremoniell verband die europäischen Kirchentonarten mit den "modi" Äthiopiens, die bis heute als stilbildend für die Musik in einigen Regionen des Landes gelten.
Seit Mitte des 20. Jahrhunderts ist Äthiopien auch für seine originelle urbane Musikszene bekannt. Das Projekt „Ethiojazz“ hat die Musik des Landes weltweit vor allem unter Jazzliebhabern bekannt gemacht. Nach der sozialistischen Revolution von 1974 wanderten viele äthiopische Musiker nach Nordamerika oder nach Europa (vor allem nach Frankreich) aus.
Äthiopien ist jedoch bisher musikalisch weitgehend unerschlossen geblieben. Gemeinsam mit einem der bekanntesten Jazzpianisten Afrikas, mit dem Äthiopier Samuel Yirga aus Addis Abeba, geht das Team des Lehrstuhls für Transcultural Music Studies 2015 und 2016 auf die Suche nach den Ursprüngen einer altertümlichen, an klanglicher Vielfalt reichen Musik. Begleitet werden Musiker und Musikforscher vom Filmemacher Dirk van den Berg (Rom/Berlin). Als GUZO (Reise) bezeichnet Yirga sein Lebensprojekt, eine Reise, die Musiker, Musikforscher und Filmemacher durch ein atemberaubendes Land mit drei Klimazonen und einem Höhengefälle von 5000 Metern führen wird.

Kern von GUZO ist die Dokumentation der historischen Musiktraditionen Äthiopiens, die fest in den Ablauf der „Reise“ eingebunden werden. Gleichzeitig soll der Dialog mit der Gegenwart mittels Samuel Yirga geführt werden, der auf traditionelle Musiker trifft, der gemeinsam mit den Musikwissenschaftlern den Bau von Musikinstrumenten untersucht, religiösen Zeremonien beiwohnt um auch mit Musikern, denen die Gruppe während der Reise begegnet, zu musizieren. Diese performative Komponente ist für das Filmprojekt zentral, denn Samuel Yirga wird bei seiner Suche aktiv mit der Umgebung interagieren, die er erkundet. Auf theoretischer Ebene wird er Gespräche mit Wissenschaftlern, Forschern, Experten und Musiker-Kollegen führen und sich über Methodik, Funde und Ergebnisse auseinandersetzen.
Am Ende des Projektes steht neben Konzerten in Weimar und in weiteren deutschen Städten, in denen Samuel Yirga und traditionelle Musiker aus Äthiopien auftreten, ein Dokumentarfilm über eine spannende musikwissenschaftliche Mission in Äthiopien. Außerdem sollen die Film- und Klang-Dokumentationen mit Materialien aus älteren Privatarchiven zusammen geführt werden, die bereits 2014 vom Lehrstuhl für Transcultural Music Studies akquiriert wurden. Die am Weimarer Lehrstuhl entwickelte Software und Musikdatenbank „Global Music Data Base“ bildet die technisch-wissenschaftliche Plattform für den Zusammenschluss bestehender Archive und des zu dokumentierenden Materials. Das mit den entsprechenden Metadaten verknüpfte Musikarchiv lässt sich später problemlos nach Äthiopien übertragen.
Die Idee für GUZO entstand 2014. Mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes kamen neben Sammy Yirga (Addis Abeba) auch die Experten Getie Gelaye (Bahir Dar/Hamburg), Timkehet Teffera (Addis Abeba/Berlin), Francis Falceto (Addis Abeba/Paris), David Evans (Memphis) und Itsushi Kawase (Osaka) nach Weimar um die inhaltliche Gestaltung des Projektes in einem einwöchigen Symposium fest zu legen. Mittlerweile gibt es ein Memorandum of Understanding zwischen der Hochschule für Musik Franz Liszt und der Bahir Dar University im Norden Äthiopiens.

Laut „Forbes Magazine Africa“ gehört Samuel Yirga heute zu den 50 wichtigsten afrikanischen Persönlichkeiten. Anstelle sich jedoch auf seine Popularität auszuruhen, ist Yirga fest entschlossen die Ursprünge seiner und der äthiopischen Musik zu erkunden. Die geeigneten Partner dafür hat er in Weimar gefunden.