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Ein Leben reicht nicht: Prof. Larissa Kondratjewa spricht über ihre Liebe zur Kammermusik und ihre Leitgedanken bei der Ausbildung

Prof. Larissa Kondratjewa | Foto: Alexander Burzik

Ein Leben reicht nicht: Prof. Larissa Kondratjewa spricht über ihre Liebe zur Kammermusik und ihre Leitgedanken bei der Ausbildung

Dass ihr letztes Semester als Professorin für Kammermusik und Werkstudium ausgerechnet das Sommersemester 2020 war, war für Larissa Kondratjewa nicht leicht. Gemeinsames Musizieren zu lehren und zu leben, ist ihre Leidenschaft und Berufung – Abstand halten und die begrenzten Unterrichtsmöglichkeiten im Corona-Sommersemester passten da nur sehr schlecht dazu. Die Pianistin und begeisterte Kammermusikerin verabschiedet sich nun in den verdienten Ruhestand. Als Lehrbeauftragte bleibt sie der Hochschule glücklicherweise noch eine Weile erhalten. Im Interview blickt sie auf eine bewegte Zeit zurück.

Prof. Kondratjewa, können Sie sich an Ihren ersten Tag an unserer Hochschule erinnern?

Mein erster Tag in der Hochschule war mein Probespiel ungefähr im Februar 1980. Ich war damals noch Studentin am Staatlichen Konservatorium „Nikolai Rimski-Korsakow“ in Leningrad und habe dort eine hervorragende Ausbildung genossen. Wahrscheinlich alle Kollegen der Streicherabteilung saßen in der Kommission im ehemaligen Senatssaal (heute Raum 108). Anspruchsvoll war mein Programm, bestehend aus vorbereiteter Klavier-Konzertliteratur und überraschendem Blattspiel sofort mit einem Geiger ohne jegliche Probe.

Besonders gern erinnere ich mich daran, dass der damalige wohlbekannte Cellokollege und jetziger Hochschulprofessor in Düsseldorf, Gotthard Popp, mir sofort nach dem Probespiel auf dem Gang vorschlug, mit ihm zusammen Konzerte zu spielen, wenn ich nach Weimar käme. Daraus ergaben sich mehrere Konzerte und Rundfunkproduktionen in Leipzig mit ihm – für mich ein fantastischer künstlerischer Einstieg ins neue Berufsleben.

Welche anderen Momente sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Außer meiner Korrepetitionstätigkeit durfte ich recht bald schon Kammermusik für Pianisten und instrumentale Korreptition für Dirigenten unterrichten. Mich prägte vor allem meine sofortige Mitwirkung in vielen Musikseminaren und die gemeinsamen Konzerte u.a. mit den berühmten Gastprofessoren Tibor Varga, Vaclav Snitil, Yfrah Neaman – jedes Mal mit wenig Proben.

Darüber hinaus erinnere ich mich im Musikseminar an die anregende künstlerische Zusammenarbeit mit Igor Besrodny, Oleg Kagan, Oleg Kryssa und später mit Igor Ozim. Aber auch den damals an unserer Hochschule wirkenden Professoren Jost Witter, Brunhard Böhme und Helmut Pfeuffer verdanke ich viel. Von allen habe ich Wichtiges gelernt.

Unsere erste Wohnung in Weimar ist mir natürlich ebenfalls in Erinnerung geblieben: Von 1980-1983 wohnte unsere Familie in Franz Liszts Altenburg, und zwar im ehemaligen Musiksalon.


In kräftiger, noch jüngerer Erinnerung bleibt mir die Einrichtung der Konzertreihe „Tage der Kammermusik“ vor knapp zehn Jahren. Der Enthusiasmus der Kollegen und Studenten, der Hochschule in ihrer Gesamtheit, zählt zu den künstlerischen und menschlichen Eindrücken, die mich in meiner Arbeit mit am meisten beflügelten.

Was begeistert Sie an der Kammermusik?

Die Fülle an Literatur. Ein Leben reicht nicht, um alle diese genialen Werke zu bewältigen. Das Glücksgefühl, dass man beim gemeinsamen Musizieren erleben kann, und zwar über alle Sprachbarrieren hinweg, begeistert mich an Kammermusik.

Warum ist es aus Ihrer Sicht wichtig, Musikerinnen und Musiker in der Kammermusik auszubilden?

Weil Kammermusik ein wichtiger Bestandteil der Ausbildung bei jedem Instrumentalisten ist und sein sollte. Ohne Kammermusik wäre die Musikausbildung einseitig, unvollständig, zu eng gefahren. Man lernt nicht nur sich, sondern aufeinander zu hören und eine gemeinsame musikalische Sprache zu finden. Man löst gemeinsam eine Aufgabe. Das betrifft nicht nur die unverzichtbare Intonation, Rhythmus, die technische Seite, sondern vor allem den musikalischen Fluss und Schwung gemeinsam zu finden und innerhalb des Probenprozesses professionell und menschlich miteinander umzugehen.

Was ist Ihr Leitgedanke bei der Ausbildung der Studierenden? Was war Ihnen immer wichtig, den Studierenden zu vermitteln?

Eigentlich ist immer alles dabei: Handwerk, emotionaler und intellektueller Zugang zum Werk, Verbindungen mit anderen Kunstgattungen etc. Jeder Student bringt unterschiedliche Voraussetzungen mit. Entsprechend variabel ist der Unterrichtsprozess und natürlich auch das Ergebnis. Für mich ist besonders Toleranz wichtig, und mich fasziniert, dass gemeinsames Musizieren sogar über politische Schranken hinweg möglich ist bzw. diese zumindest während der Zeit des Spiels überwunden werden.

Gibt es etwas, das Sie im Gegenzug von Ihren Studierenden gelernt haben?

Als ich hier vor 40 Jahren anfing zu arbeiten, war ich nur wenig älter als die damaligen Studenten. Dieses Gefühl hat sich bei mir bis heute gehalten. Ich bin sehr dankbar, dass ich diese jugendliche Vitalität und Frische von den jungen Musikern immer bekomme, bewundere ihre Talente und Begabungen, ihre mitunter ungewöhnlichen und kreativen Blickwinkel auf die Werke. Manchmal gibt es mit ihnen wirklich geniale musikalische Erlebnisse. Dann wird die Arbeit ein Genuss.

Wen oder was werden Sie besonders vermissen?

Da ich weiterhin in Weimar lebe, hoffe ich, dass ich außer der aktiven Arbeit nicht allzu viel vermissen muss. Am meisten hoffe ich, dass die „Tage der Kammermusik“ zur Freude der Beteiligten und unseres Publikums ein musikalisches Merkmal unserer Hochschule und des Weimarer Kulturlebens bleiben.

Wofür wollen bzw. können Sie sich nun mehr Zeit nehmen?

Viele Bücher warten auf mich, gelesen zu werden, und ich freue mich, in Zukunft endlich nur für mich üben zu können. Kulturelle Höhepunkte in Deutschland und hoffentlich auch außerhalb, nicht zuletzt auch wieder in meiner Heimat Russland möchte ich in Zukunft noch mehr wahrnehmen. Auch meiner Familie, in erster Linie der Entwicklung unserer Enkelkinder, will ich mich ausführlich widmen.

Gibt es ein Kammermusikwerk, das Ihnen besonders am Herzen liegt?

Kammermusik und Musik allgemein ist ein so weites Feld und auch etwas von der Tagesform bzw. der jeweiligen Stimmung abhängig, dass ich hier kaum etwas bevorzugen kann. Vielleicht ein Werk ergreift mich immer ganz besonders, weil es so ungeheuer persönlich ist: das Klaviertrio von Peter Tschaikowski, besonders in der legendären Aufnahme mit Martha Argerich, Gidon Kremer und Mischa Maisky.

Vielen Dank für das Gespräch.
Die Fragen stellte Ina Schwanse


[14.10.2020]

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