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Gelebter Egoismus: Celloprofessor Wolfgang Emanuel Schmidt spricht im Interview über lehren und lernen

Prof. Wolfgang Emanuel Schmidt | Foto: Christian Steiner

Gelebter Egoismus: Celloprofessor Wolfgang Emanuel Schmidt spricht im Interview über lehren und lernen

Es war wieder ein überaus erfolgreiches Jahr für die Weimarer Celloklasse von Prof. Wolfgang Emanuel Schmidt. So gewannen Ende April 2017 gleich zwei Cellostudenten den Musikwettbewerb "Ton und Erklärung". Der 1. Preis ging an Friedrich Thiele, den 2. Preis sowie den Publikumspreis erspielte sich sein Kommilitone Valentino Worlitzsch. Anfang Juni feierte dann Santiago Cañón-Valencia einen großartigen Erfolg: Der 22-jährige Student gewann den 3. Preis beim renommierten "Queen Elisabeth-Wettbewerb" in Brüssel. Im Interview spricht Celloprofessor Wolfgang Emanuel Schmidt über das Unterrichten, das Konzertieren und den eigenen Werdegang.

Herr Prof. Schmidt, welche Energie kostet Sie – oder bringt Ihnen – das Unterrichten?
Für mich ist Unterrichten ein wunderbares Gegengewicht zu meinem Konzertleben. Seit ich unterrichte, muss ich auch weniger üben (lacht). Dadurch, dass ich mich mit meinen Studenten permanent austausche über interpretatorische und spieltechnische Fragen bei Werken des Standardrepertoires, sind mir viele Abläufe und Strukturen viel klarer als noch zu Studienzeiten. Insofern ist Unterrichten für mich auch gelebter Egoismus (lächelt). Nein, Spaß beiseite: Mir macht Unterrichten sehr viel Freude, es ist aber auch sehr intensiv.

Als Lehrer steht man sozusagen in der Pflicht, permanent hellwach zu sein und spontan individuelle Lösungsansätze zu finden. Ich empfinde Unterrichten auch als Verantwortung gegenüber den Studenten. Als Lehrer bin ich sozusagen eine „Instanz“, die den Fortschritt analysieren, lenken und kanalisieren soll. Acht Stunden am Tag zu unterrichten wirken auf mich sozusagen anstrengender als acht Stunden hinter dem Cello zu verbringen.

Und wo laden Sie Ihre Energien wieder auf?
Mein Tag müsste ohnehin eher 28 Stunden haben ... Ich „lade mich auf“ durch den Wechsel meiner Tätigkeiten, also durch das Unterrichten, das Konzertieren als Cellist, das Dirigieren und die Arbeit als Juror. So bleibt der Geist immer frisch … Ein wesentlicher Jungbrunnen ist für mich natürlich meine Familie mit den vier Kindern, das hält fit und hilft dabei, auf die wesentlichen Dinge im Leben zu fokussieren.
 
Welche Unterschiede bestehen zwischen dem Solomusiker auf der Konzertbühne und der Tätigkeit als Lehrer und Mentor?
Bei meiner Tätigkeit als Solist steht natürlich meine Interpretation auf Basis des Urtextes im Vordergrund. Beim Unterrichten geht es mir in erster Linie darum, meine Studenten zu einer eigenen Interpretation anzuregen. Oft verzichte ich daher auch auf eine Demonstration an meinem Instrument. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern um zu vermeiden, dass meine Studenten den einfachen Weg des Kopierens gehen ...

Ich selbst hatte einen wunderbaren Lehrer, David Geringas, den ich als Cellisten verehre und der während des Studiums mein absolutes Vorbild war. Im Rückblick habe ich instinktiv am meisten quasi durch Kopieren gelernt.

Wer waren noch Ihre Lehrer?
Ich hatte das Glück, neben David Geringas auch mit dem großen Mstislaw Rostropowitsch studieren zu können, zudem mit Aldo Parisot an der Juilliard School in New York. Beide Lehrer haben bewusst darauf verzichtet, etwas vorzuspielen. Rostropowitsch redete viel über Musik im Allgemeinen und setzte sich ans Klavier, wenn er etwas demonstrieren wollte.

Aldo Parisot, mein letzter Lehrer, erkannte sofort meine Tendenz zum Kopieren und konfrontierte mich mit einem im Nachhinein sehr wichtigen Satz. Er meinte so in etwa: „Wolfgang, niemand will einen zweiten Rostropowitsch hören, aber mit Glück will man vielleicht irgendwann einen ersten Wolfgang Emanuel Schmidt erleben.“ Sicherlich fließen all diese Einflüsse und verschiedenen Lehransätze meiner Lehrer in meine Art zu Unterrichten ein. Deshalb ist es mir eine große Freude zu sehen, wie meine Studenten ihren eigenen Weg finden. Wenn ich dabei behilflich sein kann, umso schöner...

Was reizte Sie an einer Professur an der Musikhochschule in Weimar?

Ich habe mich seinerzeit in Weimar sofort wohl gefühlt! Ich hatte die Stadt durch ein Konzert mit der Staatskapelle näher kennengelernt. In Folge des Konzerts lud mich meine heutige Kollegin Anne-Kathrin Lindig ein, einen Meisterkurs an der Hochschule zu geben ... Die HfM erinnerte mich sofort an meine eigene Studienhochschule in Lübeck. Eine wunderbare Hochschule in einer herrlichen Stadt! Als sich die Möglichkeit ergab, hier zu lehren, habe ich nicht lange überlegen müssen und habe dafür auf Stellen in Hamburg und München gerne verzichtet.

Inzwischen ist Weimar, obwohl ich auch Gastprofessuren in Berlin und seit Oktober in Kronberg innehabe, meine wahre Heimat als Dozent. Ich schätze das Kollegium und die Leitung außerordentlich. Weimar gibt den Studenten die Ruhe, sich auf ihr Lernen zu fokussieren, zudem ist die Stadt ein sehr inspirierender Ort der Hochkultur.

Vielen Dank für das Gespräch!
Die Fragen stellte Ute Böhner