From Generation to Generation - Konzertreise des Kammerchors in die Ukraine

Als Botschafter der Kultur war der Kammerchor der Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar vom 5. bis 10. November 2014 in der Ukraine unterwegs. In der Hauptstadt Kiew und der westukrainischen Stadt Lviv gaben die 25 Sängerinnen und Sänger gemeinsam mit Kantor/innen des Abraham-Geiger-Kollegs und dem Weimarer Professor für die jüdische Musikgeschichte, Jascha Nemtsov, zwei umjubelte Konzerte mit Werken jüdischer Musik. Aber auch Gelegenheit zu Gesprächen mit Studierenden und Lehrenden der Musikakademien Kiews und Lvivs gab es reichlich. Der Austausch ist von beiden Seiten als bedeutend und fruchtbar empfunden worden.

Die Reise fand in einer politisch komplizierten Zeit statt, und die Reisenden spürten die enorme Anspannung im Land. Die Chorreise und ein im Dezember 2014 geplantes Wissenschaftlertreffen gilt auch der Idee, in der Ukraine Partner zu finden, mit denen die Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar im Bereich der jüdischen Musikgeschichte zusammenarbeiten kann. Auf dem Gebiet der heutigen Ukraine gab es vor dem Holocaust ein reiches jüdisches Leben. Dieses Erbe gilt es nun auch wissenschaftlich wieder sichtbar zu machen. Insofern war die Tournee erst die Ouvertüre für eine lange und tiefe Zusammenarbeit zwischen den Musikhochschulen in Kiew, Lviv und Weimar.


Berichte

Standing Ovations in Lemberg: Weimarer Kammerchor und jüdische Kantoren gaben das zweite Konzert ihrer Ukraine-Tournee

Lviv, 10. November 2014

Ihre Ukrainereise führte den Kammerchor der Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar und die jüdischen Kantorinnen des Abraham Geiger Kollegs am Wochenende nach Lviv (Lemberg). Im vollbesetzten Saal der Lemberger Philharmonie gaben sie – nach ihrem Auftritt in Kiew – ihr zweites, vom Publikum mit stehenden Ovationen bedachtes Konzert.

"Das war so positiv, so interessant!", resümierte Luba Kyyanovska, Professorin für Musikgeschichte an der Musikakademie Lviv. "Es war sehr kulturvoll und mit wirklich tiefen Gefühlen. Eine völlig unbekannte Musik. Leider, muss ich sagen. Ich habe das in dieser Form zum ersten Mal gehört."

Viel Respekt sprach aus den Worten der langjährigen Professorin, die an jenem Abend mit einigen ihrer Studierenden in der Philharmonie zu Gast war. Vielen weiteren Gästen ging es wie ihr: Erstmals hörten sie jüdischen Kantorengesang in ihrer Stadt. Es sei gut möglich, so die Wissenschaftlerin, dass man nun in Lviv diesem Gesang mehr Aufmerksamkeit schenken würde: "Von meiner Seite ganz bestimmt."

Zu einer Begegnung kam es auch mit der Studentin Galina. Sie ist erst seit Juli hier, geflohen aus Donezk, jener Stadt im Osten der Ukraine, die seit den Sommermonaten ständig unter Beschuss steht. Wie es in ihrem früheren Haus aussehe, wisse sie nicht. Es sei auch fast egal, "denn wir haben alle überlebt, meine Familie und ich."

Hier in Lemberg fängt Galina gerade ein neues Leben an und hofft auf ein Stipendium. Ihr Ziel: Sie möchte Dirigentin werden. Jüdische Lieder könnten auch für sie ein neues Repertoire sein, vor kurzem habe sie erst erfahren, dass ihre Großmutter Jüdin war und deren Eltern im Holocaust ums Leben kamen. Es waren vor allem diese Begegnungen und vielen Gespräche, die der Reise Tiefe und Nähe gaben.

Der Majdan in Kiew führte zu einer bedrückenden inneren Stille und traurigen Stimmung angesichts der vielen Fotos ermordeter Menschen am Rande des Platzes. Das quirlige Lviv hingegen mit Straßenmusikern und Caféterrassen hinterließ auf den ersten Blick einen leichten Eindruck. Der zweite Blick war hingegen deutlich schwieriger: Der politische Konflikt zwischen Russland und der Ukraine, patriotische Plakate im Straßenbild, sind auch hier ein Zeichen für das, was sich derzeit mehr im Osten des Landes abspielt.

Doch auch das jüdische Erbe der Stadt birgt ein weites Feld für Diskussionen und Missverständnisse. Durch den Holocaust kamen etwa 120.000 Juden ums Leben. Heute leben wieder ca. 3.000 jüdische Menschen in Lviv, nach dem Holocaust waren es knapp 800. "In unserer Stadt gibt es alle Voraussetzungen, dieses Leben wieder zu entwickeln", sagte Andrij Pawlyschyn, Historiker, Journalist und Übersetzer, der das Konzert in Lviv besuchte.

Die fünftägige Ukrainereise des Kammerchores und der jüdischen Kantorinnen Avi Weinberg und Schulamit Lubowska wurde vom Auswärtigen Amt finanziert. "Wir fühlen uns als Botschafter der Kultur", so Prof. Dr. Christoph Stölzl, Präsident der Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar.

"Die beiden Konzerte sind hoffentlich erst die Ouvertüre für eine lange und tiefe Zusammenarbeit zwischen den Musikhochschulen in Kiew, Lviv und uns. Wir wollen gute Partner finden, mit denen wir weiterarbeiten können auf dem Gebiet der jüdischen Musikgeschichte. Uns ist daran gelegen, die jüdische Musik zu erforschen, weil wir wissen, dass es unglaublich viele, wunderbare musikalische Schätze zu entdecken gibt. In Weimar haben wir den bislang europaweit einzigen Lehrstuhl für jüdische Musikgeschichte. Dort wird sich Professor Jascha Nemtsov dem Erbe der vergessenen jüdischen Komponisten widmen, und ich bin mir sicher, dass wir noch viele gute Konzerte hören werden."

In Dezember 2014 wird es in Lviv die nächste Begegnung geben: Eine wissenschaftliche Tagung, um zu sehen, welche Dokumente zu jüdischem Liedgut in den Archiven liegen, welche Namen von Komponisten es zu entdecken gilt und wie eine wissenschaftliche Arbeit auf diesem Gebiet europaweit aussehen könnte.

Direkt am Majdan: 600 Gäste besuchten gestern Abend das Konzert des Kammerchores der Weimarer Musikhochschule mit jüdischen Kantoren in Kiew

Kiew, 7. November 2014

"Wir sind nicht mit irgendeinem Konzert gekommen, sondern mit einem besonderem zur jüdischen Musik", sagte der Präsident der Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar, Prof. Dr. Christoph Stölzl, zu Beginn des Konzertes. In der vollbesetzten Oper der nationalen Musikakademie Kiew, direkt am Majdan gelegen, fand am gestrigen Donnerstagabend das erste Konzert der Tournee statt. Nicht nur der Kammerchor der Weimarer Musikhochschule begeisterte, auch die Kantorensolisten Aviv Weinberg, Schulamit Lubowska und Assaf Levitin erhielten großen Applaus von den rund 600 Besuchern.

Gefördert vom Auswärtigen Amt wird derzeit unter der Projektleitung des Weimarer Professors für die Geschichte jüdischer Musik, Dr. Jascha Nemtsov, jüdische Synagogenmusik vom Kammerchor sowie von Kantorinnen und Kantoren in der Ukraine vorgetragen. Die Kantoren kommen vom Abraham-Geiger-Kolleg der Universität Potsdam, mit dem die Weimarer Musikhochschule seit 2013 eng kooperiert. 25 Choristinnen und Choristen unter der Leitung von Prof. Jürgen Puschbeck sowie drei Kantorinnen und Kantoren gastieren noch bis Montag, 10. November in der ukrainischen Hauptstadt Kiew sowie in Lviv.

Auf dem Programm des Konzerts in Kiew standen Werke von Louis Lewandowski, Israel Alter, Meir Finkelstein und anderer namhafter Komponisten. Die Erforschung dieser untergegangenen alten, jüdischen Welt sei eine gemeinsame Aufgabe für die europäischen Völker, erklärte Christoph Stölzl am Rande des Konzertes. Es war kein gewöhnlicher Ort, formulierte der Chorleiter Prof. Jürgen Puschbeck. "Der Ort bedrückt, man hat das Gefühl, dass auch die Menschen hier bedrückt sind." Die derzeit politisch komplizierte Situation im Land ist vor allem an diesem Platz im Stadtzentrum spürbar.

Hunderte Kreuze, Bilder, Blumen und vor allem Fotos der hier erschossenen Menschen erinnern an die blutigen Auseinandersetzungen, die hier erst vor wenigen Monaten stattgefunden haben. Studierende der Akademie erzählten später, man habe damals unmittelbar die riesigen Demonstrationen und schließlich auch Schusswechsel mitbekommen. Eine Zeit, die Spuren hinterlassen habe, im Stadtbild und emotional.

Volodymyr Rozhok, Rektor der nationalen ukrainischen Tschaikowski Akademie für Musik, blickt nach vorn: "Wir wollen unsere Kontakte mit deutschen Hochschulen ausbauen. Es gibt sehr viele Absolventen von uns, die in Deutschland auftreten." Eine stärkere Zusammenarbeit mit der Hochschule für Musik FRANZ LISZT in Weimar sei erklärter Wunsch der Kiewer Akademie.

Auch der Deutsche Botschafter in der Ukraine, Dr. Christof Weil, sieht jetzt die Zeit gekommen, trotz der andauernden gewaltbeladenen Auseinandersetzungen in den östlichen Landesteilen, die Kultur zwischen der Ukraine und Deutschland zu fördern. "Trotz der schweren Zeiten sagen uns Kulturschaffende: Jetzt erst recht! Denn Menschen müssen gelegentlich Kraft schöpfen. Musik kann helfen und inspirieren."

Deutschland werde die Ukraine auf dem Weg über Reformen in die EU unterstützen, so der Botschafter. "Der Majdan war jene wichtige Phase in diesem Land, die nicht vergessen ist, gerade wegen der Opfer." Von der ukrainischen Hauptstadt Kiew werden die Künstler am morgigen Samstag nach Lviv (Lemberg) reisen. In der dortigen Philharmonie konzertieren Kammerchor und Kantoren am 9. November 2014.

"Ich hoffe, es wird eine gute, fruchtbare Zusammenarbeit in diesem Sinne, dass die Ukraine schon lange ein Teil von Europa ist", erklärte Christoph Stölzl in Kiew. Auf dem Gebiet der heutigen Ukraine habe es vor dem Holocaust ein reiches jüdisches Leben gegeben. Dieses Erbe, vor allem im früheren Galizien, gelte es nun auch wissenschaftlich wieder sichtbar zu machen. "Über den Lehrstuhl für die Geschichte der jüdischen Musik beschäftigen wir uns mit diesem Thema. Darum bin ich sehr froh, dass wir Partner gefunden haben, mit denen wir künftig nicht nur konzertieren werden, sondern auch eine gemeinsame Konferenz im Dezember zum Stand der Forschung über die jüdische Musik haben."
::: Bericht von der Konzertreise (PDF) :::
erschienen in "LISZT", Magazin der Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar

Fotogalerien

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® Ina Schwanse / Blanka Weber

Eindrücke aus Kiew:

 

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