Alltag in der Coronakrise

Die Hochschule hat einige Studierende, Lehrende und Verwaltungsmitarbeiter*innen gebeten, von ihrem jetzigen Alltag während der Coronakrise zu erzählen.
 

Maia Andrews, Studentin (Gesang/ Thüringer Opernstudio)

Friedemann Eichhorn, Professor für Violine

Auch in der jetzigen Zeit ist mein Tagesablauf ziemlich geregelt. Die Schule unserer Kinder läuft per Fernunterricht wie Online-Lerngruppen und Hausaufgaben weiter, so dass schon hierdurch eine Struktur gewährleistet ist.

Mit meinen Studierenden arbeite ich regelmäßig über Online-Medien. Das funktioniert in gewisser Hinsicht besser als ich dachte, auch wenn es für uns alle neu ist. Ganz gut kann man an geigerischen Basiselementen feilen. Das Mikrophon ist unbestechlich hinsichtlich Intonation, auch rhythmischer Prägnanz. Bogeneinteilung und Haltungsfragen lassen sich ebenfalls gut erörtern.

Natürlich hat die rein klangliche Arbeit deutliche Grenzen und bisher können wir nur rein solistischen Unterricht abhalten. Die Korrepetition und das Zusammenspiel vermissen wir sehr, ebenso die Kammermusik und das Orchesterspiel.

Dennoch versuchen meine Studierenden und ich das Beste aus der Situation zu machen. So viel Musik wird seit einigen Jahren online gehört bzw. gespielt! Also konzentrieren wir uns auch darauf: wie wirkt das Spiel über die Online-Medien?

Wichtig neben dem reinen Unterrichten ist in der Arbeit mit den Studierenden der stete Austausch, die Beratung in Repertoirefragen, Zielsetzungen, Wettbewerbsfragen, Bewerbungen.

Ansonsten komme ich in dieser Periode selbst viel zum Üben, wobei mir die vielen weg gefallenen Konzerte fehlen. Wir Musiker lieben einfach das Spielen und das Teilen der Musik mit Zuhörern.

Auf der anderen Seite kann ich mich ohne Deadline-Druck bereits jetzt zukünftigen Projekten widmen. Für meine CD-Firma bereite ich mit der Deutschen Radiophilharmonie Saarbrücken ein großes Aufnahmeprojekt vor. Über die Dauer von mehreren Jahren werden wir sämtliche Werke für Violine und Orchester von Alfred Schnittke auf fünf CDs einspielen, beginnend im Jahr 2021.

Dazu erledige ich viel Arbeit am Schreibtisch. Hierzu gehört die Gestaltung von Konzertprogrammen oder die Kommunikation mit Veranstaltern.

Außerdem bereite ich eine Neuausgabe des Violinkonzerts Nr. 22 von Viotti mit Bogenstrichbezeichnungen, Fingersätzen und Recherchen von Kadenzen vor.

Darüber hinaus wurde mein Interesse am Produzieren von Musik-Videos geweckt. Mit meinen Studierenden habe ich ein Gemeinschaftsvideo in Einzelstimmen aufgenommen, die zu einem Violinen-Ensemble übereinander geschnitten wurden. In den Social Media haben wir es veröffentlicht (Video auf Facebook).

Am Schneideprozess habe ich selbst mitgewirkt und es ist durchaus interessant, sich in diese Medienmöglichkeiten hineinzudenken. Das Projekt stellt für mich ein kleines Symbol des Zusammenhalts in der Krise dar. Ein weiteres Video habe ich kürzlich mit meinem Sohn am Klavier aufgenommen (Video auf Facebook).

Privat findet unser Leben natürlich fast ausschließlich in den eigenen vier Wänden statt, es ist eine sehr intensive Familienzeit. Kontakt mit den Großeltern, der weiteren Familie und Freunden ist jedoch nur online oder fernmündlich möglich, was wir sehr bedauern.

Für meinen Schwiegervater, der in einem Seniorenheim in Bamberg lebt, ist die Situation viel schwieriger als für uns. Wir haben einen Garten und da das Wetter momentan sehr schön ist, glüht der Grill und rollt der Ball viel.

Ich schätze mich glücklich zu den Musikern zu gehören, die eine feste Anstellung haben und dass dadurch eine Sicherheit besteht, die viele freiberufliche Kolleginnen und Kollegen leider nicht haben. Der Ausfall aller Konzerte und Veranstaltungen bedeutet eine Katastrophe für sie, genau wie der Lockdown in vielen anderen Branchen wie Gaststättengewerbe oder Geschäften.

Deswegen bereite ich gerade ein kleines Spendenprojekt für Freelance-Musiker vor, für das ich Kolleginnen und Kollegen der internationalen Geigenwelt gewinnen konnte. Insgesamt sind wir 19 Geigerinnen und Geiger. Ich arbeite an einem gemeinschaftlichen Video, das in ein bis zwei Wochen fertig sein dürfte. Wir hoffen, damit ein bescheidenes Zeichen setzen zu können.

Meine Hoffnung ist, dass unser wunderbares Kulturgut Musik gestärkt aus der Krise hervor geht. Ich glaube fest daran, dass wir Menschen ohne diese Nahrung für Seele, Herz und Intellekt nicht leben können und bin überzeugt: der Hunger auf Live-Konzerte wird nach der Krise besonders groß sein.

Am wichtigsten ist, dass alle freischaffenden Musikerinnen und Musiker durch diese schwierige Zeit kommen und dann wieder richtig „einsteigen“ können. Aber eben auch – was häufig vergessen wird – all diejenigen, die Musik ermöglichen wie Veranstalter, Agenturen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Kulturmanagement, Instrumentenbauer, Tonmeister und Produzenten!

[20.04.2020]

Christian Franze, Mitarbeiter im Justiziariat

Zurzeit befinde ich mich im Homeoffice, um, neben der täglichen Arbeit, unsere beiden Kinder zu betreuen. Dabei bekomme ich Unterstützung von meiner Frau, der es ähnlich ergeht, so dass wir uns diesbezüglich zumindest reinteilen können.

Wie für alle Familien, hat sich auch bei uns zu Hause einiges geändert. Für die Kinder ist jeden Tag Wochenende und spielen angesagt, sie müssen aber auch verstehen, dass wir als Eltern von Montag bis Freitag Zeit für die Arbeit benötigen, auch wenn wir zu Hause sind.

Das ist nicht einfach und die regelmäßigen Unterbrechungen müssen im Tagesablauf mit eingeplant werden. Das geht an einigen Tagen besser, an anderen ist es etwas schwieriger. Das Problem dabei ist, dass hier die Tagesform aller Familienmitglieder eine entscheidende Rolle spielt und nicht nur die eigene, wie bei normalen Tagen im Büro.

Diese Umstände führen dazu, dass sich die Arbeitszeit über den gesamten Tag verteilt und von einer Regelmäßigkeit nicht gesprochen werden kann. Im Prinzip bin ich aber recht flexibel und kann es mir ganz gut einteilen, so dass die Kids auch nicht allzu oft mit gesenktem Kopf aus dem heimischen Büro geschickt werden müssen.

Die Arbeit im Homeoffice sorgt auch dafür, dass man in diesen Zeiten die Wochentage nicht völlig vergisst und sich weiterhin alle auf das Wochenende freuen können.

Neben dem beruflichen Alltag hat sich natürlich auch der Rest verändert. Die regelmäßigen Trainingseinheiten mit meiner Basketballmannschaft sind seit Wochen ausgesetzt, so dass diese Art des Ausgleichs zu Beruf und Familie komplett weggefallen ist.

Damit ist, neben meinen Schulfreunden, ein großer Teil meiner sozialen Kontakte weggebrochen. Aber zumindest kann man auch über WhatsApp Spaß haben, wenn auch meist nur in Textform und nicht von Dauer. Der fehlende Mannschaftssport wurde durch Familienspaziergänge, spielen im Garten und gelegentliche Laufeinheiten ersetzt. Und mit alten YouTube-Clips versuche ich die weggefallene Sportberichterstattung im Fernsehen zu kompensieren.

Was geblieben ist, sind Besuche bei den Eltern, wo man sich, aufgrund des frühlingshaften Wetters, zumindest draußen im Garten mit etwas Abstand ab und zu treffen und ein wenig schwatzen kann.

Letztendlich ist es auch das, worauf ich mich am meisten freue: Freunde und Familie wieder treffen und Umarmungen verteilen. Auch die ein oder andere Feierlichkeit wird in jedem Fall nachgeholt.

[21.04.2020]

Cornelius Hofmann, Student (Kirchenmusik)

Als Studierender der Kirchenmusik ist man es gewohnt, zum Üben allein in einer leeren Kirche Orgel zu spielen. Doch eine so lange Zeit immer für sich allein spielen zu müssen, noch dazu zu Ostern, macht einen schon etwas traurig.

Dabei habe ich das Glück überhaupt üben zu können, noch dazu auf verschiedenen Instrumenten. Anfang März, gerade noch vor den Corona-Beschränkungen, bin ich nach Pößneck gezogen. Hier habe ich eine Stelle als Regionalkantor und bin für die Musik in 36 Kirchen verantwortlich.

Viele der Orgeln in den Dorfkirchen sind historisch und teils liebevoll restauriert, aber auch ohne Corona meist in einem Dornröschenschlaf – jetzt habe ich Zeit und Gelegenheit diese Instrumente beim Üben kennenzulernen.

Doch nicht nur ich habe etwas davon – die Sängerinnen und Sänger meines Chores und die Gemeinde bekommen via Mail oder Messenger kleine Videos davon nach Hause – so musste Ostern doch nicht ohne (Orgel-)Musik bleiben.

Durch geöffnete Türen und Fenstern waren die Orgelklänge auch vor der Kirche gut hörbar und erfreuten so manchen Einwohner, der (mit ausreichend Abstand) in der Schlange vor dem benachbarten Lokal stand, um sich Thüringer Klöße mit nach Hause zu nehmen.

Doch werde ich bald wieder mit meinem Chor zusammen musizieren können? Könnte eine Chorprobe unter Einhaltung von Hygieneregeln funktionieren? Singen mit Maske – für mich nur schwer vorstellbar.

Schade finde ich es, dass für Mai geplante Musikalische Gottesdienste mit befreundeten Komiliton*innen der Hochschule nun ausfallen müssen, da bereits viel Proben- und Organisationszeit in diesen Projekten steckte.

Die nun zur Verfügung stehende Zeit nutze ich, um die letzten Hausarbeiten meines Studiums zu schreiben, auch wenn das Arbeiten nicht wie gewohnt in der Bibliothek möglich ist.

Zum Ausgleich erkunde ich die Umgebung durch viele Spaziergänge in den Wäldern am Fuße des Thüringer Schiefergebirges. In der nun „mensafreien" Zeit koche ich und probiere manches neue Rezept aus. Auch bleibt jetzt Zeit Bücher zu lesen, die bisher lange ungelesen im Regal standen.

Natürlich fehlt mir der direkte Kontakt zu Familie und Freunden – doch über Social Media bleiben wir trotz Kontaktsperre und Umzug in Verbindung.

Zu Ostern lag auch die ein oder andere Postkarte im Briefkasten oder ging auf die Reise – vielleicht der Anfang einer neuen Tradition, die bei mir die Zeit nach Corona auf jeden Fall überdauern soll.

Sophie Huber, Studentin (Musikwissenschaft/ Kulturmanagement)

Als mein Studium im Oktober begann, hätte sich noch keiner träumen lassen, dass ein paar Monate später die Welt auf einmal Kopf stehen wird. Ich hatte letztes Jahr die schwere Entscheidung getroffen, nach meiner Ausbildung zur Tiermedizinischen Fachangestellten und einem kurzen Abstecher in die Welt des Tiermedizin-Studiums, meinem Leben noch einmal eine neue Wendung zu geben und meiner Leidenschaft in der Kultur nachzugehen.

Vor Corona noch eine boomende Branche, mit Festivals, Konzerten und Theater steht diese nun auf einmal still und vor einer ungewissen Zukunft. Trotz der aktuellen Schwierigkeiten darf ich mich aber freuen, denn gerade im März habe ich die Öffentlichkeitsarbeit des Jungen Theaters stellwerk Weimar übernommen. Jedoch hat wohl niemand erwartet, dass meine erste Aufgabe aus Krisenmanagement bestehen würde.

Kurz nach meiner Einstellung wurde der Corona-Shutdown bekannt gegeben und statt neuer Marketingstrategien, musste auf einmal ein neues digitales Konzept gestaltet werden. Aber aus der unerwarteten Situation ist ein kreativer
Prozess entstanden, jetzt leite ich zusammen mit meinen Kolleginnen der Theaterpädagogik das #quarantheater.

Über tägliche Aufgaben, Informationen, Fotos und Videos suchen wir auch in der Distanz die Nähe zu unseren Mitgliedern und Zuschauer*innen und bieten eine Möglichkeit der kreativen Interaktion. Ich persönlich darf mich also glücklich schätzen, neben einem sicheren Nebeneinkommen, habe ich auch weiterhin die Möglichkeit, mich kreativ zu betätigen und so die Isolation als Chance zu sehen.

Natürlich stehen uns gerade einige Veränderungen bevor, sowohl in der Wirtschaft als auch gesellschaftlich, aber vielleicht können diese unter anderem auch positive Folgen mit sich bringen. Gerade in Zeiten der Isolation, nimmt Kultur einen wichtigen Stellenwert ein, die Anfrage nach Livestreams aus Theatern und von Konzerten ist groß!

Vielleicht bringt die Krise genau diese Wichtigkeit der Kultur wieder in den Fokus und wir dürfen uns auf eine neue, vielfältige und starke kulturelle Szene nach Corona freuen!

Bis dahin sehe ich voller Erwartung dem neuen Semester entgegen und bin neugierig, wie wir dieses alle erleben dürfen. Seminare und Gruppenarbeiten über Online-Portale sind sicher eine Herausforderung, aber vielleicht auch eine Zukunft, um Arbeit und Studium besser verbinden zu können!

[20.04.2020]

Cora Irsen, künstlerische Mitarbeiterin für Werkstudium

Vorab sei gesagt, dass ich mich als Mitarbeiterin der Hochschule in einer privilegierten Situation befinde. Ich muss mein Leben nicht in Gefahr bringen, um anderen Mitmenschen zu helfen. Ich muss nicht in einer kleinen Wohnung ausharren, ohne Garten, ohne die Möglichkeit, mich frei in der Natur bewegen zu können.

Meine Tochter studiert bereits, so dass ich mit meinem Mann, der ebenfalls zu Hause ist, jeden Tag gemeinsam verbringen darf.

Das bedeutet, dass ich Zeit geschenkt bekomme. Zeit zu lernen, mich weiterzubilden, mein Instrument zu perfektionieren, aber auch Zeit für mich und meine Gedanken, denen ich in der Hektik des Berufsalltags nicht nachgehen kann.

Der Tag der Schließung der Hochschule fühlte sich an wie der Beginn eines Schweigeseminars oder eines Reinigungsrituals.

Natürlich befand ich mich für Stunden in einer „Blase des Entsetzen“, als ich abends erfuhr, dass der Wettbewerb für Horn und Tuba in Markneukirchen abgesagt wurde. Seit so vielen Wochen bereiteten sich meine Studenten für diesen Wettbewerb vor! Wir waren bereits in der sehr intensiven Phase, in der man gezielt kleine Konzerte anvisiert, um sein Wettbewerbsprogramm loszuwerden.

Aber die Angst vor der Ausbreitung des Virus war größer als die Enttäuschung. Zu Beginn habe ich mit Schrecken die ständig ansteigenden Zahlen der Infizierten und Gestorbenen beobachtet, doch schon bald bemerkte ich, dass dieser Virus ein Zeichen für uns Menschen ist, ein Signal, unser Leben, unsere Gesundheit, unser Atmen nicht als selbstverständlich hinzunehmen, sondern Dankbarkeit zu lernen.

Wenn wir ehrlich mit uns sind, dann leben wir doch alle viel zu sehr im Außen. Das Leben muss sich immer schneller bewegen, keine Zeit für ein Innehalten, Beobachten, Lächeln, Spazieren ohne Ziel. Erfolg muss gebracht werden, wer hat die meisten Klicks auf Instagram, wer macht die originellsten Fotos oder Videos, um Konzerte zu bekommen.

Bereits nach ein paar Tagen fühlte ich den immer stärker werdenden Drang zu meditieren und Yoga zu praktizieren, was ich natürlich bereits seit Jahren tue. Aber ich spürte, dass ich nur durch viele Stunden Meditation, Beschäftigung mit verschiedenen Fragen über das Sein und Yoga die Situation, die diese Pandemie hervorgerufen hat, gefühlsmäßig und gesundheitlich gut überstehen werde und dadurch für meine Mitmenschen eine kraftvolle Hilfe sein kann.

In dieser Zeit arbeite ich in notwendiger Ruhe und Intensität an den Werken für meinen Korrepetitionsunterricht, wofür im Hochschulalltag leider keine Zeit bleibt. Es fühlt sich gut an, ohne Zeitdruck die vielen Orchesterreduktionen zu studieren und schwierige Sonaten zu perfektionieren. Um meine Studenten zu unterstützen, spiele ich für sie, meist mit Metronom den Klavierpart verschiedenster Stücke ein, oft in unterschiedlichen Tempi oder nur als Harmoniebegleitung, so dass sie nicht ohne Klavierbegleitung üben müssen.

Der Kontakt zur Außenwelt fehlt mir nicht. Allerdings bin ich als Pianistin auch immer sehr viel mit mir selbst allein gewesen. Aber ich vermisse meine Studenten und die Arbeit mit ihnen, ihre Geschichten zu hören und ihre Fortschritte zu erleben, mit ihnen zu fühlen und für sie da zu sein.

Selbstverständlich ist ein guter Tagesablauf in dieser Zeit besonders wichtig. Ich stehe, wie auch zu Hochschulzeiten, gegen 6 Uhr auf und arbeite nach meinem Sadhana anschließend viele Stunden am Klavier.

Ich wünsche mir sehr, dass wir Menschen nun lernen, mit unserem Leben, unseren Mitmenschen, unseren Ressourcen, unserer Zeit auf diesem Planeten bedachter umzugehen. Wenn wir alles in unserem Leben mit Dankbarkeit annehmen und endlich aufhören, uns selbst und andere immer wieder zu be- und verurteilen, werden wir mit Sicherheit ein schöneres Leben führen.

[20.04.2020]

Signe Pribbernow, Mitarbeiterin in der Abteilung Akademische und Studentische Angelegenheiten (ASA)

Die Welt hat sich verändert und doch ist für mich vieles geblieben wie es war. Fast alle Kolleg*innen meiner Abteilung nutzen das Homeoffice, wenn auch aus verschiedenen Gründen.

Ich kann täglich ins Büro gehen, weil ich einen kurzen Weg zur Arbeit habe und keine langen Fahrtzeiten mit öffentlichen Verkehrsmitteln habe.

Ich habe auch keine schulpflichtigen Kinder zu betreuen, aber unsere Töchter sind aus ihren Studienorten nach Weimer gekommen, weil es in ihren WGs auch nicht so ist wie immer. Die eine hatte ihr Zimmer untervermietet, weil sie selbst im Ausland war und anschließend ein Praktikum machen wollte – abgebrochen und abgesagt.

Die andere konnte weder in die Hochschule zum Üben noch ins Theater zum Dienst – da kann einem schon mal die Decke auf den Kopf fallen. Nun sind beide wie früher zu Hause, sie kochen für uns und nähen Mund-Nasen-Schutzmasken. Es ist schön, wenn wieder mehr Leben im Haus ist.

Mein Mann ist Musiker, darf zwar jetzt auch nicht ins Theater, muss sich aber auf dem Instrument fit halten, also täglich üben. Das hat er zwar früher auch getan, aber ich habe davon ja nur wenig gemerkt. Jetzt übt auch meine Tochter hier. Über den Tag verteilt ist also viel Musik im Haus – naja, da kann ich mich im Büro besser konzentrieren.

Mit Haus und Garten sind wir im Privatleben kaum eingeschränkt. Es fehlen natürlich die Kontakte. Manchmal treffe ich eine Freundin auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause und man kann Neuigkeiten austauschen. Das ist dann mal eine kleine Abwechslung. Besuche bei den Eltern an der Ostsee oder bei unserem Sohn in München sind leider nicht möglich.

Schade ist, dass die Freizeitbeschäftigungen auch so stark eingeschränkt sind. Ja, man hat wieder Zeit zum Bücherlesen.

Aber leider kann ich nicht mit meinem Quartett proben und auch die Proben mit dem Stadtkirchenorchester Weimar und Projekte mit dem Thüringer Ärzteorchester wurden abgesagt und können leider auch nicht in absehbarer Zeit nachgeholt werden.

Wenn die Beschränkungen endlich gelockert werden oder aufgehoben sind, freue ich mich am meisten auf einen Besuch bei den Eltern. Und der Besuch beim Friseur steht ganz oben auf der Liste.

[22.04.2020]

Gero Schmidt-Oberländer, Professor für Schulpraktisches Klavierspiel

Die Auswirkungen der Corona-Krise erwischten mich mit voller Wucht nach zwei Offline-Wochen, die eigentlich der Start in ein lang geplantes Sabbatical sein sollten. Nachdem klar war, dass ich dies verschieben konnte, übernahm ich Anfang April wieder die Institutsleitung und kam fortan kaum noch vom Bildschirm oder Telefon weg, zumindest in den ersten Tagen.

Neben den Sorgen der Studierenden liegt mir ganz besonders die missliche Situation unserer zumeist freischaffenden Lehrbeauftragten am Herzen, denen der verspätete Semesterstart zusätzlich zu den weggefallenen Engagements große finanzielle Probleme bereitet. Mit Studierenden und Lehrbeauftragten versuche ich regelmäßig zu kommunizieren.

Nun ist das Wichtigste organisiert, die ersten Online-Unterrichtsversuche sind zufriedenstellend gelaufen, haben aber deutlich gezeigt, dass die Präsenzlehre unersetzbar ist. Ich habe also nicht das Gefühl, dass mir die Decke auf den Kopf fällt vor lauter Nicht-Tätig-Sein-Können.

Seit dieser Zeit habe ich jedoch wieder angefangen, richtig klassisch Klavier zu üben. Gerade bin ich an einem Präludium/Fuge aus dem Wohltemperierten Klavier dran und an einer Mozart-Sonate. Beides lerne ich neu, und das macht großen Spaß.

Früh morgens, wenn der Park noch leer ist und man nicht dauernd in die Wiese ausweichen muss, drehe ich meine Runden, so 5 bis 15 km, bei längeren Strecken geht’s bis Belvedere oder Tiefurt, und dabei versuche ich eine 5er-Zeit zu laufen, also weniger als 6 Minuten pro Kilometer. Meist gelingt das. Die Fitness wächst also.

Die Kontaktbeschränkungen plagen mich im Moment nicht so sehr, da nette Nachbarn in Rufweite sind und wir mit den Kindern und dem neugeborenen Enkelkind über verschiedene Kanäle zumindest per bewegtem Bild zusammen sein können.

Einige schöne Bücher habe ich in letzter Zeit gelesen: Haruki Murakamis "Killing Commendatore", großartig! "Don Quichotte" von Salman Rushdie, eine ironisch beißende Kritik am American Way of Life. Außerdem die Erinnerungen meiner Großmutter, die jetzt als Buch erschienen sind: "Erinnerungen einer Landärztin". Sie promovierte vor 102 Jahren als eine der ersten Medizinerinnen in Jena und wurde 101 Jahre alt.

Was ich (fast) überall erlebe, ist eine größere Achtsamkeit, besseres Zuhören, Einfühlen und die gemeinsame Suche nach Lösungen. Ich hoffe, dass wir einiges davon für die Zeit nach der Krise retten können.

[17.04.2020]

Romeo Wecks, Student (instrumentale Komposition)

Es ist alles so unwirklich und immer noch schwer zu fassen – innerhalb der ersten Märzwochen ist alles, wofür ich gekämpft habe und worauf ich hingearbeitet habe, sinnlos geworden. Die Uraufführung meines Violinkonzertes in Sondershausen, Proben, Konzerte, Visionen und Pläne – alles abgesagt, verschoben oder auf Eis gelegt.

Nun bin ich bei meinen Eltern und froh, dass ich diese Zeit mit ihnen verbringen darf. Es ist gemeinsame Zeit, die es sonst nicht gegeben hätte. Da meine Heimat Berlin für meine Mutter als immunsupprimierte MS-Patientin im Moment keine Wahl ist, haben wir uns in unserer Zweitwohnung im Erzgebirge getroffen, um die Zeit hier in relativer Abgeschiedenheit auszuharren. Jede Woche unterrichte ich zwei Tage meine Klavierschüler via Skype, das ist natürlich nicht optimal, aber ich hätte nie gedacht, dass es so gut funktioniert.

Wir gehen viel spazieren und erkunden das häusliche Umfeld. Es ist faszinierend, wie sauber und klar die Luft nun ist, in Verbindung mit der großartigen Landschaft, ist es die perfekte Möglichkeit, um zu sich zu kommen und nachzudenken.

Es bereitet mir Angst, dass der Kulturbetrieb in den Medien kaum betrachtet wird, allenfalls wird er in einem Atemzug mit Bordellen und Biergärten genannt. Das ist beschämend. Kultur ist kein "Genussgut", sondern elementar für eine Gesellschaft und uns! Unsere Sparte trifft es mit am härtesten, da Künstler ohnehin von der Hand in den Mund leben und nun Einnahmen und Perspektiven einfach verlieren.

Auch mache ich mir Sorgen, wie es generell weitergehen soll. Ein "weiter so" wird es nicht geben, und ob die Billionen von Dollar und Euro, die gerade auf den Markt geworfen werden, so ganz ohne Folgen bleiben, wage ich zu bezweifeln.

Ich habe auch Hoffnung – wenn die Krise irgendwann überstanden ist, wird es einen Neustart geben. Neue Technologien werden sich durchsetzen und die Kultur wird eine neue Blütezeit sehen – dies ist vielleicht die Chance für die Neue Musik, eine breitere gesellschaftliche Resonanz zu erhalten!

Zum Schluss noch eine kleine Anekdote: Isaac Newton war 1665 über ein Jahr lang in seinem Elternhaus in Isolation, als in England die Pest grassierte. In dieser Zeit hat er die Grundlagen für die heutige moderne Mathematik und Physik geschaffen, von der wir heute alle profitieren. Dies sollte uns heute vielleicht eine Inspiration sein, selbst nachzudenken und kreativ zu arbeiten, als die Zeit mit Sinnlosigkeiten totzuschlagen!

[18.04.2020]