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Transkulturelle Freundschaften: Prof. Manfred Bründl tauchte mit zwei Projekten in fremde Klangwelten ein

Prof. Manfred Bründl (Foto: Guido Werner) und Ibrahim Keivo (Foto: Christophe Losberger)

Transkulturelle Freundschaften: Prof. Manfred Bründl tauchte mit zwei Projekten in fremde Klangwelten ein

Mit gleich zwei künstlerisch hochkarätigen Projekten machte der Bassist Manfred Bründl, Professor an der Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar, im Sommer auf sich aufmerksam.

„Samaia“ nannte sich ein einzigartiges deutsch-georgisches Projekt in Kooperation mit dem georgischen Gitarristen, Komponisten und Arrangeur Zaza Miminoshvili. Auf einer Konzert- und Workshop-Reise durch Georgien stand der musikalische Dialog im Vordergrund, der sich zwischen zwei Kulturen entspinnt: Archaische georgische Männergesänge, die mal sakral aufgeladen wirken, dann wieder von folkloristischer Ausgelassenheit sind, nehmen eine unerwartete Wendung und verschmelzen mit deutscher Volksmusik.

„Sadaqa“ – „Freundschaft“ – hieß das zweite Projekt, bei dem der SWR-Jazzpreisträger Prof. Manfred Bründl einen Bogen spannte von den traditionellen Klängen und Liedern des südlichen Kaukasus hin zu den Musiktraditionen Mesopotamiens. Bei den Konzerten u.a. beim Kunstfest Weimar spiegelten die Künstler die kulturelle Vielfalt des Projektes wider: Sänger und Multi-Instrumentalist Ibrahim Keivo hat armenische Wurzeln und stammt aus einem jesidisch-kurdischen Dorf im Nordosten Syriens.

Ebenfalls aus Syrien kommt der international ausgezeichnete Oud-Virtuose Mohannad Nasser. Bodek Janke wiederum ist einer der gefragtesten Percussionisten und Drummer der Jazz-und World-Szene und Preisträger u.a. des International Europe Jazz Contest.

Herr Prof. Bründl, wie ist das Projekt „Samaia“ entstanden?

Manfred Bründl: Die Liebesbeziehung mit Georgien und seiner Musik begann schon 2017: Da wurde ich zu einem vom Auswärtigen Amt geförderten Festival nach Tiflis eingeladen, wo ich mit georgischen Musikern konzertierte. Diese Erfahrung war für mich musikalisch besonders prägend, so dass ich daraufhin ein Projekt ins Leben rufen wollte, bei dem deutsche und georgische Volksmusik gemeinsam mit Jazz neue Klangwelten kreieren. Dadurch sollte ein kultureller Dialog entstehen, in den wir zur Musik auch den georgischen Tanz als eine Form der Visualisierung integrieren wollten. Dieser Aspekt ist besonders spannend, wenn man bedenkt, dass der georgische Tanz zum Immateriellen Kulturerbe der Menschheit zählt.

2019 traf ich dann in Georgien Zaza Miminoshvili, langjähriges Mitglied der georgischen Band „The Shin“, der sofort von meiner Projektidee begeistert war. Er lebt schon viele Jahre in Stuttgart und beschäftigt sich mit transkulturellen Ansätzen: wir waren uns gleich sympathisch. Zaza ist ein Kenner der georgischen Volksmusik und war Schüler von Gija Kantscheli. Wir haben gemeinsam transkulturelle Stücke und Kompositionen entwickelt, bei denen sich ganz unterschiedliche Elemente begegnen. Dabei ließen wir uns u.a. sowohl von der traditionellen Mugham-Form im Tiflis-Style als auch vom bayerischen Zwiefacher, einem Volkstanz mit unterschiedlichen Metren, inspirieren und kombinierten diese ureigenen Formen mit dem Jazz.  

Wichtig war uns dabei, dieses interkulturelle Projekt sowohl dem georgischen als auch dem deutschen Publikum in Konzerten und Workshops nahezubringen und somit beide Länder zu bespielen. Der Start für unsere Konzerte in Deutschland fiel dann 2020 im Rahmen des Weimarer Kunstfests und wurde begeistert vom Publikum aufgenommen. Es folgte ein weiteres Konzert in der Erfurter Thomaskirche, was von der Jazzmeile initiiert wurde und dem ein Workshop vorausging. Unsere georgischen Konzerte waren für Dezember 2020 geplant, mussten dann jedoch aufgrund der Pandemie verschoben werden.

Was waren die besonderen Momente Ihrer Konzertreise im Juni 2021 nach Georgien?

Bründl: Georgien ist ein sehr spannendes, facettenreiches, faszinierendes Land. Ich war nicht nur von den landschaftlichen Kontrasten absolut begeistert - einerseits von den Hochgebirgen, andererseits vom Schwarzen Meer - sondern vor allem auch von der Lebensfreude, der Gastfreundschaft, dem Gesang, dem Tanz und den besonderen Speisen angetan. Ich wurde von den Musikern und deren Familien sofort als Freund empfangen, was mich unglaublich beeindruckte und auch berührte.

Die Höhepunkte stellten natürlich unsere Konzerte und die beiden Workshops in Tiflis am Goethe-Institut und dem dortigen Kantscheli-Folklore-Zentrum dar, bei denen wir vor allem mit jungen georgischen Volksmusikern arbeiteten. Die Teilnehmenden bestanden dabei teilweise aus Musikliebhabern, die sich für den Tanz und das Projekt interessierten, aber auch aus zahlreichen angehenden Berufsmusikern und Studierenden.

Besondere Anerkennung erfuhren wir und unser Projekt durch das staatliche georgische Fernsehen, das uns mit der Aufzeichnung unseres Tifliser Konzerts eine komplette Sendung widmete. Beeindruckend war auch unser Konzert im legendären Amphitheater von Tsinandali, zu dem der deutsche Botschafter und die georgische Kultusministerin anwesend waren und einige Worte zu unserem Projekt sprachen. Die tolle, ausgelassene Stimmung und das tanzende Publikum machten diesen Abend für uns einfach unvergesslich.

Wie konnte dieses Projekt finanziert werden?

Bründl: Das ging nur mit finanzieller Unterstützung durch die Thüringer Staatskanzlei, das Thüringer Ministerium für Inneres und Kommunales sowie das Auswärtige Amt als Hauptgeldgeber.

Dann folgte gleich das nächste Projekt, "Sadaqa", im September 2021. Wie kam es dazu?

Bründl: Zunächst einmal hatte das Samaia-Projekt beim Kunstfest 2020 dem Intendanten Rolf Hemke außerordentlich gut gefallen und den Impuls für eine erneute Zusammenarbeit gegeben. Daraus entstand in diesem Sommer das Sadaqa-Programm. Ziel dabei war es, das Länderdreieck Syrien, Türkei und Iran in den Fokus zu nehmen und die Musik Mesopotamiens abzubilden.

Ein Anstoß dazu kam auch vom Goethe-Institut. Ich suchte nordsyrische, armenische und aserbaidschanische Musik und die dazu passenden Musiker, die mit der Musik dieser Länder bestens vertraut und gleichzeitig ein wenig jazzaffin sind. Da stieß ich auf Mohannad Nasser, der 2015 Flüchtlingskindern im Libanon Musikunterricht erteilt hatte und inzwischen in Berlin lebt. Mohannad - ein begnadeter Oud-Spieler - passte perfekt zum Projekt, hatte u.a. schon mit der Jazz-Größe Al di Meola gespielt.

Die von Sadaqa aufgeführten Kompositionen kamen von Mohannad und Ibrahim Keivo, dem Sänger unserer Band und Bouzouk-Spieler. Ergänzt wurde unser Quartett von Bodek Janke, einem musikalischen Weltenbummler, der u.a. in New York studiert hatte und in sämtlichen Genres zuhause ist.

Und was waren hier die Höhepunkte ihrer kleinen Tournee durch Deutschland?

Bründl: Alle Konzerte waren sehr erfolgreich, weil wir einfach das Publikum erreicht haben! Ich komme ja aus dem Jazz und habe mich später erst mit transkulturellem Jazz beschäftigt. Entsprechend bunt gemischt waren auch unsere Zuhörer: wir hatten viel Weltmusik-, aber auch Jazzpublikum. Am schönsten war es jedoch, dass wir die Menschen mit unserer Musik berühren konnten, was mich sehr bewegt hat. Ibrahim Keivo ist ein wunderbarer Entertainer, der tanzt, interagiert, das Publikum mit einbezieht und zum Mitsingen animiert. Sehr beeindruckend!

Was für eine Musik wurde gespielt?

Bründl: Die Melodien sind eingängiger, aber durchaus ähnlich komplex wie im Jazz. Die melodiösen Stücke berühren die Menschen sehr stark. Es gab Einflüsse von arabischer Musik, Musik der Beduinen und auch aramäischer Musik, in der Ibrahim Keivo vor allem verankert ist. Orient trifft auf Okzident.

Soll das Projekt fortgesetzt werden?

Bründl: Das Projekt hat mich inspiriert, auch durch den Percussionisten Bodek Janke, der wirklich ein Ausnahme-Rhythmiker ist und sämtliche Rhythmusinstrumente wie indische Tablas etc. perfekt beherrscht: einfach herausragend. Das Projekt wird mit Sicherheit fortgesetzt – wir freuen uns darauf!

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Jan Kreyßig.

[12.10.2021]