►  University of Music ...  ►  About us
Wir wollen anecken: Anne und Thea Baumbach sprechen über ihren Weg zum erfolgreichen Kammermusikduo

Anne (li.) und Thea Baumbach | Foto: Elisa Kirbst

Wir wollen anecken: Anne und Thea Baumbach sprechen über ihren Weg zum erfolgreichen Kammermusikduo

Mit Auszeichnung schlossen die Zwillingsschwestern Anne Baumbach (Flöte) und Thea Baumbach (Gitarre) Anfang Februar ihr Konzertexamen an der HfM ab. 1990 in Magdeburg geboren, nahmen sie 2009 ihr Diplomstudium in Weimar auf: Anne in der Klasse von Prof. Wally Hase, Thea bei Prof. Thomas Müller-Pering.

Für ihr Masterstudium wechselte Anne zu Prof. Felix Renggli an die Hochschule für Musik Basel. Thea absolvierte ihr Masterstudium in Weimar bei Prof. Ricardo Gallén. Als Duo gewannen sie zwischen 2013 und 2018 sechs Preise bei renommierten internationalen Kammermusikwettbewerben, darunter mehrere 1. Preise. Ihr Debüt-Album "legenden" veröffentlichten sie 2017.

 

Ist die Kombination als Flöten-Gitarren-Duo nicht gewagt? Können Sie sich auf dem Markt behaupten?


Thea: Sich zu behaupten und einen Platz in der Musikszene zu finden bei all der Schnelllebigkeit ist generell gewagt. Mich inspirieren Musiker, die in erster Linie gute Musik um der Musik Willen machen wollen, ohne dabei primär auf Erfolg abzuzielen, sondern darauf, das eigene Potential voll auszuschöpfen.

Anne: Es stimmt-die Kombination „Flöte-Gitarre“ wird oftmals als „speziell“ bezeichnet und zählt in der Kammermusik oft nicht als „klassische Besetzung“ wie etwa ein Streichquartett oder ein Klavier-Trio oder eben einfach ein Duo mit Klavier.

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass wir uns überall dort, wo das Instrument Gitarre besondere Aufmerksamkeit genießt, wie auf Gitarrenfestivals, bei Wettbewerben für Gitarre und ein Melodieinstrument, sehr gut behaupten können. Das Wichtigste ist eigentlich, dass man vor allem immer offen und neugierig bleibt und sich selbst nicht durch „Schubladendenken“ einen Stempel aufdrückt.

Thea & Anne: Ein Vorbild ist für uns das Klenke Quartett, weil es seit dem Studium zusammenhält, dem eigenen Anspruch treu geblieben ist, sich voller Begeisterung ständig neuen spannenden Projekten widmet und jede der Musikerinnen ihr eigenes Leben führt.
 


Wie gehen Sie damit um, dass es nicht viele originale Werke für Duo Flöte und Gitarre gibt?


Thea: Mir ist es immer wichtig, dass die Werke, die wir spielen sowohl die Flöte als auch die Gitarre als ebenbürtige Partner behandeln und gleichsam herausfordern und ausschöpfen. Die Zusammenarbeit mit Komponisten ist daher für uns sehr interessant. Aber das auch aus Neugier und weil uns die Zusammenarbeit mit anderen Musikern inspiriert und puscht.

Wir arrangieren u.a. jüdische Volksweisen für unsere Besetzung, weil wir diese Musik lieben und durch unsere Mutter und ihre Band "Foyal" seit unserer Kindheit einen Bezug dazu haben.

Anne: Um interessantes Repertoire zu finden, begrenzen wir uns nicht nur auf die Besetzung Flöte und Gitarre, sondern spielen beispielsweise auch mit dem Bratschisten Lucas Freund zusammen und in Zukunft auch in der Besetzung Flöte und zwei Gitarren mit dem Gitarristen Niklas Johansen. Das ist auch ein Weg, das eigene Repertoire zu erweitern, indem man sich als Duo für Projekte erweitert.
 


Dem MDR haben Sie einmal gesagt, dass Sie "anecken wollen". Was genau meinen Sie damit? Wo verorten Sie sich als Künstlerinnen?


Thea: Das war 2017. Damals haben wir ein multimediales Konzertprogramm mit zeitgenössischen Werken von Annette Schlünz, Brigitta Muntendorf, Thomas N. Krüger und Léo Brouwer einstudiert, zu dem der Videokünstler David Leroy eine abgestimmte Videoprojektion erarbeitet hat.

Das Ausgangsthema war die Sage des Ikarus, der mit seinem Vater vom griechischen König Minos gefangen gehalten wurde. Ihr einziger Ausweg war der Luftweg, weshalb Ikarus’ Vater Flügel baute. Er belehrte Ikarus darüber, weder zu hoch, noch zu tief zu fliegen, damit die Flügel nicht durch die Sonne verbrennen oder vom Wasser beschwert werden.

Indem Ikarus schließlich genau das Gegenteil von dem tut, was sein Vater ihm geraten hat, löst er sich im übertragenen Sinne von den Erwartungshaltungen seines Vaters, geht seinen eigenen Weg und sammelt seine eigenen Erfahrungen.

Durch Erwartungsdruck, Existenzängste und die Angst davor, "nicht gut genug zu sein" oder in der Gesellschaft "anzuecken", setzt man sich selbst Grenzen, die vom eigenen Weg abbringen. Daher haben wir gesagt, wir wollen „anecken“ im Sinne von „uns loslösen“ von Aufstieg- oder Absturzgedanken. Alles ist eine Frage der Perspektive, und Hauptsache man bleibt sich selber treu.

Anne: Thomas Nathan Krüger hat mit seinem Werk „Aber dann. Aber dann.“, das im Februar von der Weimarer Staatskapelle uraufgeführt wurde, zu einer aktiven Reaktion gegen Rassismus ausgerufen, was wir sehr stark und richtig fanden. Als Kammermusikerinnen verorten wir uns gewissermaßen als Vermittlerinnen, die zum Ziel haben, in Zusammenarbeit mit anderen Musikern/Künstlern und Komponisten Projekte mit einer Botschaft aufzuführen.
 


Worin liegen die Vor- und Nachteile, dass die Duopartnerin die eigene (Zwillings-)Schwester ist?


Thea: Die Verbindung ist einfach da und das ist super. Unser Duo ist wie eine gemeinsame Mission.

Anne: Da Thea im Herbst 2019 nach Kopenhagen gezogen ist und wir immer öfter auch mit anderen Musikern gemeinsam musikalische Projekte umsetzt, ist es eine große Erleichterung, dass wir uns so gut kennen und sich der hinzukommende Musiker nicht auf zwei Kammermusikpartner, sondern „nur“ auf ein „Doppelpack” einstellen muss.
 


Was nehmen Sie aus Ihrem Studium in Weimar mit?


Thea: Ich nehme vor allem mit, dass es sich lohnt, an einer Sache dranzubleiben und den Mut nicht zu verlieren. Die gesamte Studienzeit hat mich sehr geprägt, und wenn ich jetzt so darüber nachdenke, hatte ich ein unfassbares Glück. Dass Anne und ich unser Diplom an derselben Hochschule studieren konnten, war ein sehr glücklicher Umstand und hat den Grundstein für unser Duo gelegt.

Dazu haben uns durchweg geniale Musiker und Pädagogen begleitet, die selbst kammermusikalisch sehr aktiv sind. Dafür bin ich zutiefst dankbar. Das Gefühl von Geborgenheit in Kombination mit Fokus zielgerichteter Konzentration, verbinde ich mit meinem Musikstudium in Weimar.

Anne: Aus meiner Studienzeit habe ich mitgenommen, dass es total wichtig ist, seinen eigenen Weg zu gehen und nicht darauf zu warten, bis man von irgendwoher das „Okay“ dazu bekommt.
 


Was sind Ihre Pläne? Welche Projekte stehen für Sie an?


Anne & Thea: Zunächst steht Ende Februar ein Konzert in der Musikhochschule in Kopenhagen an, für das wir von der Dänischen Gitarrengesellschaft eingeladen wurden, worüber wir uns riesig freuen.

Dann erarbeiten wir zum Anlass des Deutsch-Dänischen Freundschaftsjahres 2020 ein Programm gemeinsam mit dem dänischen Gitarristen Niklas Johansen, das dänische sowie deutsche Werke umfasst.

Auch Uraufführungen sind in der Planung. So wird der dänische Komponist Erik Højsgaard ein Werk für die Besetzung Flöte und zwei Gitarren schreiben, während der deutsche Komponist Peter Helmut Lang ein Duo für Flöte und Gitarre anfertigt. Darauf freuen wir uns sehr.

Ein weiteres Projekt, für das wir noch Unterstützung suchen, ist die Bearbeitung von Schuberts "Winterreise" für die Besetzung Flöte und zwei Gitarren durch den deutschen Komponisten Ludger Vollmer. Das größte Projekt heißt allerdings einfach „Dranbleiben.“
 


Gab es Momente, in denen Sie an Ihrem Weg gezweifelt haben?


Thea: Ich habe damals mit 14/15 für mich entschieden, dass ich nie Musik studieren werde, weil Anne mit 14 Jahren bewusst wurde, dass sie Querflöte studieren will und daraufhin am Musikgymnasium Schloss Belvedere in Weimar angenommen wurde. Damals hatte ich einen starken Drang danach, mich abzugrenzen und anders zu sein als Anne.

Dabei war mir das „Anderssein“ möglicherweise etwas wichtiger, als das „Ich-selbst sein“. Ein Konflikt, den wahrscheinlich viele eineiige Zwillinge kennen.

Ich habe erst mit 18 Jahren „akzeptiert“, dass ich auch sehr gerne Musik studieren möchte und hatte dann ein klares Ziel, dass ich dank meiner Gitarrenlehrerin Elke Scheibner und der Vorbereitung auf die Aufnahmeprüfung durch Professor Thomas Müller-Pering erreichen konnte.

Anne: Für mich stand nie außer Frage, dass ich Musik liebe und dass ich es liebe, mich mit Hilfe von und durch Musik auszudrücken. Aber natürlich gab es im Studium Höhen und Tiefen. Es gab Zeiten, in denen ich mich verloren, mich in ein “Gefängnis” aus Konzepten und Urteile gesteckt hatte, weil ich mich zu sehr an Lebensläufen anderer orientiert hatte, bis ich wieder auf meinen eigenen, authentischen Weg gelangt bin.
 


Was machen Sie, wenn Sie nicht auf der Bühne stehen? Welchen Ausgleich haben Sie zu Studium und Bühne?


Thea: Sport und Freunde sind für mich ein sehr wichtiger Ausgleich – und wenn dann noch etwas Zeit übrig bleibt, zeichne ich sehr gerne.

Anne: Sport ist auch für mich ein super Ausgleich. Ansonsten schätze ich sehr das Team der Initiative diePOP vom Kulturtragwerk e.V., mit dem ich zusammenarbeite. In dieser Initiative stehe ich quasi auf der anderen Seite und helfe mit, Auftritte, Festivals und Musikbusiness-Fachtagungen für junge Bands und Newcomer im Bereich Pop, Rock und Jazz zu organisieren und auf unseren Social-Media Kanälen zu kommunizieren.
 


Welche Werke haben Sie durch Ihr Studium begleitet?


Thea: Ein Werk, dass uns als Duo sehr am Herzen liegt, haben wir im Masterstudium erarbeitet - das viersätzige Werk „La Mitología de las Aguas“ von Léo Brouwer. Das hat uns viele Türen geöffnet und ist einfach kammermusikalisch so fantastisch verzahnt und sprüht nur so vor Klangfarben. Ein weiteres Werk, dass mir sehr viel bedeutet, ist die Aufnahme „Lachrimae Antiquae“ von John Dowland, gespielt vom Ensemble Hespèrion XXI. Wenn ich es höre, höre ich auf, etwas zu „wollen“ – und das ist ein sehr befreiendes Gefühl.

Anne: Der Soundtrack meiner Studienzeit beinhaltet super viele Werke. Sehr verehre ich das intensive, leidenschaftliche „Sturm und Drang“ - Flötenkonzert von C. Ph. E. Bach in d-Moll, eingespielt von Emmanuel Pahud. Aber auch den Song “In the End“ von Passenger.

→ Playlist des Baumbach-Duos auf Spotify


Vielen Dank für das Gespräch.
Die Fragen stellte Ina Schwanse


→ Website des Baumbach-Duos