Ins Weite geträumt: Die Musikhochschulen Weimar und Lübeck im künstlerischen Dialog
Schon Johann Sebastian Bach unterhielt Kontakte nach Lübeck – jetzt setzt die Tradition sich fort. Freilich nicht zu Fuß reisen im April Kompositionsstudenten der Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar mit ihrem Professor Michael Obst in die alte Hansestadt, um dort Kostproben ihres Könnens abzuliefern und sich im Gegenzug von der dortigen Kompositionsklasse inspirieren zu lassen. Ob der musikalische Austausch fruchtet, können Musikfreunde am 28. April in Lübeck und am Freitag, 30. April 2010 um 19:30 Uhr im mon ami im Rahmen der „Weimarer Frühjahrstage für zeitgenössische Musik“ selbst entscheiden.Es locken romantische Titel wie „The Forest Dialogue“, „Trois rêves“ oder „Ins Weite“, intoniert vom Ensemble Neue Musik der Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar unter Leitung von Christof M Löser. In „Trois rêves“ (Drei Träume) für Ensemble (2009/10) behandelt der Weimarer Kompositionsprofessor Michael Obst die Idee des Unwirklichen, Surrealen, Nicht-Fassbaren. Drei mal drei Instrumente aus verschiedenen Gattungen (Streichinstrumente, Holz- und Blechbläser) bilden einen imaginären Kreis und stehen der Dualität von Harfe und Klavier gegenüber. Inspiration für „Cargo“ von Caspar de Gelmini war der Güterverkehr: In Abhängigkeit von den Faktoren Ort und Zeit ändert sich die musikalische Umgebung und der Zustand des musikalischen Satzes, die Grundidee wird hingegen immer weitergeführt und verändert.
Für „The Forest Dialogue“ hat Do-Won Yu in der Natur den Klang der Blätter gesammelt und zu drei kurzen elektroakustischen Kompositionen verarbeitet. Der Lübecker Kompositionsprofessor Dieter Mack beschäftigt sich in seiner „Kammermusik IV“ mit der Wechselwirkung von Individuum und Kollektiv, indem er das Zusammenspiel von Instrumentalisten und Singstimme verschieden kombiniert. Sein Schüler Robert Krampe hat mit „Ins Weite... für sieben Instrumentalisten“ musikalische Reflexionen über den Tod angestellt.
Es ist davon auszugehen, dass das Thüringer Publikum neuen Klängen mittlerweile aufgeschlossener ist als vor 300 Jahren. Bei der Rückkehr Bachs aus Lübeck wurde ihm nämlich kurzerhand vorgeworfen, „daß er bißher in dem Chorale viele wunderliche variationes gemachet, viele frembde Thone mit eingemischet, daß die Gemeinde drüber confundiret worden.“
