Liturgie als Aufbruch: Klangexperimente, Virtuosität und Dramatik
I. Internationales Diskussionspodium zu Psalmvertonungen aus dem 17. und 18. Jahrhundert
vom 15. bis 17. April 2010 am Institut für Musikwissenschaft Weimar | Jena
Gefördert von der Fritz Thyssen Stiftung
Die Vertonungen der Psalmen des Alten Testaments etablierten sich vor allem im 17. und 18. Jahrhundert sowohl aus religiöser wie aus musikalischer Sicht zu einem bedeutenden Ereignis – und sind dennoch innerhalb der Musikwissenschaft eine bisher kaum erörterte Gattung, eigentlich: eine terra incognita. Im Rahmen der Liturgie nehmen die statischen und unvariablen Texte einen festen Platz ein, doch der kompositorische Zugriff entdeckte zunehmend neue Möglichkeiten, innerhalb dieses vorgesetzten Rahmens neue Wege zu beschreiten: Die Qualitäten der Kirchenmusik des 17. und 18. Jahrhunderts werden kunstvoll aufgegriffen, sei es die immer differenziertere Concerto-Technik, das Verlangen nach Virtuosität und Varietas und der zunehmend dramatische Zugriff auf den Text bei gleichzeitiger Wahrung der Traditionen (Psalmton, Kontrapunktik etc.).
Das internationale Symposion wird das erkennbare kompositorische Spannungsfeld zwischen Tradition und Innovation diskutieren, das u.a. die katholische Kirchenmusik in der Periode der Aufklärung, Vor-Säkularisation und Abgrenzung zur evangelischen Liturgie erschüttert. Im Mittelpunkt stehen stilistische Untersuchungen einzelner Kompositionen prägender Persönlichkeiten (Rosenmüller, Vivaldi, Lotti, Porpora, Galuppi, u.a.), Fragen nach dem Usus einzelner Institutionen in religiösen wie politischen Machtzentren (etwa Rom, Venedig, Paris, Dresden) und Überlegungen zu Rezeption und Tradierung (Quellenbestände Schweiz, Frankreich, Mitteldeutschland). Zahlreiche Vorträge aus den Nachbardisziplinen werden versuchen, das Phänomen der aufbrechenden „autonomen“ Gestaltung der Psalmkompositionen zu ergänzen, indem das Verhältnis von ästhetischer Darstellung und Religiosität, d.h. das Spannungsfeld von kirchlicher Frömmigkeit und glanzvollem Zelebrieren diskutiert wird. So erfährt das Symposion durch die Liturgiewissenschaft und Kunstgeschichte seine wesentliche Ergänzung: die Diskurse gelten der Stellung der Psalmen in der Liturgie, den theoretischen Traktaten der Zeit, der sakralen Kunstszene ebenso wie dem Stellenwert der Akustik innerhalb der Architektur oder der Reflexion der menschlichen Stimme im sakralen Kontext der Zeit. Auf diese Weise sollen interdisziplinäre, gerade im Austausch mit Experten der Liturgie und sakralen Kunst, neue Perspektiven und Maßstäbe eruiert werden.
Namhafte Forscher konnten geworden werden, wie Prof. Dr. Jeffrey Kurtzman (Washington University) oder der Theologe Prof. Dr. Harald Buchinger (Universität Regensburg). Des Weiteren werden referieren: Thierry Favier (Bourgogne), Gerhard Poppe (Koblenz-Landau), Laura Moretti (Cambridge), Andrea Gottdang (Salzburg), Rainer Heyink (Halle a. d. Saale) und viele andere.
Organisation:
Das Diskussionspodium geht aus dem von der Fritz Thyssen Stiftung gefördertem Grundlagenprojekt „Psalmvertonungen des 17. und 18. Jahrhunderts“ hervor. Es wird veranstaltet vom Institut für Musikwissenschaft Weimar-Jena der Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar und geleitet von Prof. Dr. Helen Geyer.
Konferenzsprachen: Deutsch, Englisch, Italienisch.
Tagungsort:
Festsaal im Fürstenhaus der Hochschule für Musik FRANZ LISZT
Platz der Republik 2/3, 99423 Weimar
Kontakt:
Prof. Dr. Helen Geyer: helen.geyer@hfm-weimar.de
Birgit Johanna Wertenson: birgit-johanna@wertenson.de
Tel.: 03643-555-164 bzw. -223
