Luigi Cherubini
Internationaler Cherubini-Kongress
Cherubini: Vielzitiert-bewundert-unbekannt
Zu Ehren des 250. Geburtstagsjubiläums des Komponisten Luigi Cherubini findet vom 25. bis 27. November 2010 im Festsaal des Fürstenhauses der Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar ein interdisziplinärer Kongress unter der Leitung von Prof. Dr. Helen Geyer statt. Das Cherubini-Jahr bietet die Gelegenheit, den seinerzeit sehr geschätzten und gerade auf deutschen Bühnen beliebten Komponisten vermehrt in das Interesse der Forschung zu rücken.
Der Kongress wird verschiedene Aspekte der vielzitierten, bewunderten und kritisch diskutierten Persönlichkeit beleuchten und dabei auf das bisher nur in Teilen erforschte Wirken und Schaffen des Komponisten fokussieren. Veranstaltet wird der Kongress vom Gemeinsamen Institut für Musikwissenschaft der Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar und der Friedrich-Schiller-Universität Jena, der Internationalen Cherubini-Gesellschaft e.V. sowie dem Deutschen Studienzentrum e.V., Venedig. Finanzielle Unterstützung kommt von der Gerda Henkel Stiftung, der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Internationalen Cherubini-Gesellschaft e.V.
Luigi Cherubini, bewunderter Komponist und langjähriger Direktor des Pariser Conservatoire hat sich auch als Maler und Botaniker betätigt und war in gewissem Sinne ein Kosmopolit. In den ausgehenden 1770er und frühen 1780er Jahren formte sich Cherubinis kompositorische Laufbahn internationaler Dimension aus, wobei es ihm gelang, verschiedene europäische Traditionen zu verschmelzen: In verhältnismäßig kurzer Zeit führte ihn sein Weg an bedeutende Bühnen Italiens, nach London und Paris. Zugleich erwarb er sich den Ruf eines nachdenklichen Kontrapunktikers, großartigen Instrumentators und letztlich wohl auch eines Didaktikers.
Auf dem Gebiet der Oper beschritt er den Weg über viele Gattungsexperimente unterschiedlicher Traditionen zur Grand Opéra. Einerseits weist sein Schaffen auf die Symphonische Dichtung voraus, andererseits erkennt man in der semantischen Dichte und Durchstrukturierung des musikalischen Satzes den Gestaltungswillen zu einer umfassenden Gesamtkonzeption der Oper. Eine vergleichbare Souveränität zeichnet auch die kirchenmusikalischen Kompositionen aus. Sie spalten sich in zwei durch mehrere Jahrzehnte getrennte Schaffensperioden auf: Die Jugendmessen orientieren sich an der Stilistik der oberitalienischen Kirchenmusik des 18. Jahrhunderts; zugleich lassen sie das ausgezeichnete kontrapunktische Können des Komponisten erahnen. Cherubinis großartige Werke der späteren Periode, mit einem hohen künstlerischen Anspruch und einer gewaltigen schöpferischen Kraft, wurden vorbildhaft für das gesamte 19. Jahrhundert.
Luigi Cherubinis kammermusikalische Kompositionen wie jene für Klavier stehen im Schatten der anderen Werke, obgleich sich hier neue Aspekte zeigen, gerade angesichts der wenig studierten Quellenlage. Die sechs Streichquartette, entstanden zwischen 1814 und 1837, stellen eine für das damalige Frankreich relativ singuläre Erscheinung dar, entbehrt Frankreich doch weitgehend einer eigenständigen Quartetttradition.
Das Opernschaffen und nicht minder die kirchenmusikalischen Kompositionen wurden bislang meist nur in Einzelfällen beurteilt. Immerhin besteht spätestens seit der Wende 1989/90 der freie Zugang zu den Quellen des Berliner Bestandes in Krakau. Mittlerweile sind noch zusätzliche Manuskripte in anderen Bibliotheken (meist Klöster) des europäischen Ostens aufgetaucht. Abgesehen von verfügbaren Editionen der wissenschaftlich-praktischen Werkausgabe von Luigi Cherubini (Simrock Berlin, Leitung: Prof. Dr. Helen Geyer), gibt es nur rudimentäre Einzelpublikationen. Daraus folgt, dass die Quellenlage für das Studium der Werke Cherubinis weitgehend diffus ist.
Diese komplexe Situation nimmt der Kongress zum Anlass, um gezielt verschiedene Bereiche anzuschneiden und um dem Phänomen Cherubini nicht zuletzt kritisch gerecht zu werden. So bildet die Frage nach der ästhetischen Einordnung vor allem des mächtigen Opernschaffens einen zentralen Aspekt: Zum einen ist diesem der große Festvortrag von Nobert Miller (Berlin) gewidmet, zum anderen wird sich der Literaturwissenschaftler Svend Bach (Åarhus) mit dem Wandel des Metastasianischen Dramas im Hinblick auf Cherubini auseinandersetzen. Außerdem konnten die namhafte jüdische Opernforscherin Bella Brover-Lubowski aus Jerusalem, Christine Siegert (Berlin), Heiko Cullmann (Klagenfurt), Arnold Jacobshagen (Köln), Karl Traugott Goldbach (Kassel) und Markus Oppeneiger (Weimar) gewonnen werden.
Fragen zur Ästhetik und zu Fassungskomponenten (Gianluca Ferrari, Bari, Giada Viviani, Venedig) sollen ebenso diskutiert werden wie Probleme zum späteren französischen Opernwerk (Erich Tremmel, Weimar-Jena). Darüber hinaus wird auch der Aspekt des Sublimen und Erhabenen Beachtung finden (Albrecht von Massow, Helen Geyer, Weimar-Jena). Letzterer Bereich betrifft gleichermaßen die Kirchenmusik, der eine unfassende Sektion gewidmet ist, die sowohl das vollkommen unbekannte Frühwerk als auch andere (Gattungs-)Aspekte berücksichtigt (Herbert Schneider, Saarbrücken, Joachim Kremer, Stuttgart, Christian Märkl, Weimar-Jena, Berthold Over, Mainz, Marko Motnik, Wien).
Weitere Themenkomplexe werden Cherubinis kammermusikalisches Schaffen (Fabio Morabito, Cremona) einerseits, sowie die doch sehr widersprüchliche zeitgenössische Rezeption des Komponisten und seines Werkes (Axel Schröter, Weimar-Jena) bilden. Ein Roundtable soll den notwendigen Überblick über die aktuelle Quellensituation, und damit einen wichtigen Beitrag zu editorischen Problemen vermitteln.
Ergänzend flankiert wird der Kongress durch eine kleine Ausstellung, die die Cherubinischen Werke in ihrer Rezeption an den mitteldeutschen Bühnen veranschaulicht, sowie durch drei Konzerte zu den Themenschwerpunkten: unbekannte Opernarien (Gesangsstudenten der Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar), frühe Messkompositionen (Kammerchor der Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar) und Streichquartette (Armida Quartett, Berlin).
Kontakt:
Prof. Dr. Helen Geyer: helen.geyer@hfm-weimar.de
Weiterführende Links:
Seite der Internationalen Cherubini Gesellschaft e.V.
Stadttheater Klagenfurt (Aktuell: Erstinszenierung und posthume Uraufführung der Cherubini-Oper 'Koukourgi')
Cherubini-Edition bei Simrock, Berlin
