Foto: Alexander Burzik
Das Fürstenhaus - Ort der Mächte und Musen
Sein heute verbreiteter Name zeugt von einer Ironie der Geschichte. Das „Fürstenhaus“ wurde gebaut für die „Landstände“, an deren Mitspracherecht sich aber selbst Weimars aufgeklärte Fürsten erst noch gewöhnen mußten. Doch schließlich stimmte Anna Amalia zu, als die sogenannte „Landschaft“, die für den Herrschaftsbereich Sachsen-Weimar bestehende Behörde, im November 1769 ansuchte, einen größeren Bau für ihre Angelegenheiten zu errichten. Und der Bauplatz, den sie erhielt, war attraktiv: Gegenüber der „Wilhelmsburg“, dem herzoglichen Residenzschloss. Am 3. Mai 1770 wurde dort der Grundstein gelegt. Johann Gottfried Schlegel, fürstlicher Landbaumeister, hatte die Pläne erarbeitet, nach denen Anton Georg Hauptmann den Bau ausführte. Hauptmann, einem umtriebigen Weimarer Unternehmer, sagte man Spekulationsgeist und Profitgier nach – und sollte ihn später für manche baulichen Mängel verantwortlich machen. Der erste, der sie zu spüren bekam, war Erbprinz Carl August. Denn die „Landschaft“ würde das für sie errichtete Haus nie beziehen.Ein Heim für Carl August
In der Nacht vom 5. zum 6. Mai 1774 war nach einen Blitzeinschlag das herzogliche Residenzschloss abgebrannt. Und während Anna Amalia (die noch ein Jahr regierte) das Wittumspalais bezog, bestand Carl August darauf, sich in dem noch nicht ganz fertiggestellten Landschaftskassengebäude niederzulassen. Später sollte er seinen gegen den Rat Anna Amalias und des Ministers von Fritsch gefassten Entschluss bereuen. „Dieses Jahr“, schreibt er in einem Brief vom Oktober 1781, „fiel eine Decke ein, und der große Saal musste erst jetzt berohrt werden, da er vordem bloß mit geweißtem Kalk bedeckt war. Können Sie sich so eine Bauerei vorstellen? Die Decke ist 74 Fuß lang und 40 breit und bloß so mit Lehm beworfen. Auch drohte sie schon einzustürzen. In jenem Zimmer, wo die Decke einfiel, fanden sich alle Balken gesenkt und gebogen. So sind wir mit diesem Hause geplagt ...“ Allen Unzulänglichkeiten zum Trotz blieb der Bau, dessen Räume so gar nicht für eine Hofhaltung geschaffen waren, 28 Jahre lang Residenz und Wohnort der fürstlichen Familie. Im Oktober 1775 führte Carl August dort seine junge Gemahlin, die Prinzessin Luise von Hessen-Darmstadt, ein. Im Erdgeschoß wurden Wohnungen für Hofbeamte und Gäste sowie Gesellschaftsräume eingerichtet; den ersten Stock bewohnte die Herzogin Luise, den zweiten Carl August. Auf der ersten Etage schließlich war ein Teil der Regierung untergebracht. Prominente Gäste gingen ein und aus. Johann Wolfgang von Goethe war ständiger Gast im „Fürstenhaus“, nicht anders als Wieland, Herder und Schiller.
Ein Prüfstand für die Demokratie
Carl August, der mit seinem Haus „Geplagte“, war der erste deutsche Fürst, der seinem Großherzogtum eine landständische Verfassung gab. Das war 1816, und bereits im Februar des folgenden Jahres fand die feierliche Eröffnung des Landtages statt, der die altständische „Landschaft“ abgelöst hatte. Zunächst versammelte man sich im Wittumspalais, denn noch beanspruchte der Herzog sein langjähriges Provisorium am heutigen Platz der Demokratie. 1848 jedoch wurde das Fürstenhaus Parlamentssitz für das Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach – und blieb es bis 1918. Den Saal in der Hausmitte richtete man rasch für seine öffentliche Nutzung ein und versah ihn mit einer Galerie für die Zuhörer. Neben den Sitzungen des Landtages war er Ort des Geschworenengerichts oder diente Kunstausstellungen. Im Fürstenhaus saßen auch das großherzogliche Staatsministerium, die Departements des großherzoglichen Hauses, des Äußeren, des Inneren und der Justiz. In ihren Räumen, vor allem aber im Parlamentssaal, meldeten sich freilich bald die alten Bausünden zurück. „Im Saale war kein Parkett“, erinnert sich ein Abgeordneter, “es waren ausgetretene Dielen, die ganzen Wände waren schmucklos, von der Decke rieselte während der Verhandlungen der Lehmputz herunter“. Und während man sich im Inneren zunächst mit dem Reparieren begnügte, erhielt die Fassade des Fürstenhauses 1889 einen vom Weimarer Oberbaudirektor Bormann entworfenen korinthischen Säulenvorbau: eine Idee, die bereits auf das Jahr 1875 zurückging, als der Vorplatz des Gebäudes durch das Reiterstandbild Carl Augusts aufgewertet worden war.
Im Juli 1920, als erstmals ein gesamtthüringisches Parlament zusammentrat und man 53 Abgeordneten Platz schaffen musste, kam man dann auch um grundlegende Veränderungen im Hausinneren nicht herum. So wurde der Saal durch Herausbrechen seiner südlichen Trennwand vergrößert und in dieser Gestalt Austragungsort heftiger parlamentarischer Auseinandersetzungen während der Weimarer Republik. Der Ausgang ist bekannt. Mochte Adolf Hitler im März 1933 als Zeuge eines Untersuchungsausschusses noch über die Schwelle des Parlamentsaales gestolpert sein – seine Politik hielt bald ungehindert Einzug. Im Mai 1933 beschloss der Thüringer Landtag das Ermächtigungsgesetz und trat knapp zwei Wochen darauf zu seiner letzten Sitzung zusammen. Ein unrühmliches Ende der parlamentarischen Geschichte des Fürstenhauses, in dem sich nun die braunen Machthaber einrichteten. Zunächst kam das Ministerium des Innern, dann der SS-„Oberabschnitt Mitte“, schließlich die NSDAP-Gauleitung und der Reichstatthalter von Thüringen.
Ein Raum für die Musik
Was tun mit diesem Ort der Wechselfälle deutscher Geschichte? Nach wenigen Jahren ministerieller Nutzung durch den neuen Staat DDR entschied man sich für eine „unpolitische“ Lösung. 1872 bereits war in Weimar die Großherzogliche Orchester- und Musikschule vom ehemaligen Liszt-Schüler Carl Müllerhartung gegründet worden. Nach ersten Anfängen im Wittumspalais hatte sie das in unmittelbarer Nachbarschaft gelegene ehemalige Franziskanerkloster bezogen. Noch heute ist das Gebäude „Am Palais“ (nach der Sanierung wieder weithin an seinem gotischen Spitzdach zu erkennen) ein innerstädtisches Ausbildungs- und Veranstaltungszentrum der Hochschule. Identifiziert aber wird Thüringens Musikhochschule inzwischen mit dem „Fürstenhaus“, das ihr im Jahr 1951 (auf Betreiben des Rektors Ottmar Gerster und seines Nachfolgers Willi Niggeling) zugesprochen wurde.
So erhielt sie ein repräsentatives Hauptgebäude in herausgehobener Lage und kam einstweilen aus ihren ärgsten Raumnöten. Der Bauzustand ließ freilich zu wünschen übrig und es mussten lange Jahre des Improvisierens (einer musikalischen Tugend) und kleinerer kosmetischer Retuschen vergehen, bis 1994 mit dem 1. Abschnitt einer Komplexsanierung begonnen werden konnte. Auf die Erneuerung von Ost- und Westflügel des 1. und 2. Obergeschosses folgten im 2. Abschnitt die äußere Restaurierung von Dach und Fassade sowie die Errichtung eines neuen Konzertsaales. Der Festsaal im Fürstenhaus, einer der landesweit modernsten seiner Art, besitzt heute erstmals jene Ausdehnung, die im ursprünglichen Bauplan des Hauses vorgesehen, aus Kostengründen aber nicht realisiert worden war. In seiner Mitte gelegen ist er zugleich identitätsstiftend für das Ausbildungs- und Kunstzentrum Musikhochschule. Mit einem angeschlossenen modernen Tonstudio, dem Studio für elektroakustische Musik und einer gut ausgestatteten Bibliothek und Mediathek steht das Weimarer Fürstenhaus, ein beredter Schauplatz thüringischer und deutscher Geschichte, heute für eine zukunftsfähige Musikausbildung an historischem Ort.
Dr. Stefan Brück
