►  Hochschule für Musik...  ►  Über uns
Vom Präfekten zum Professor: Jürgen Puschbeck führte den Kammerchor der Hochschule in 20 Jahren zur Exzellenz

Prof. Jürgen Puschbeck | Foto: Guido Werner

Vom Präfekten zum Professor: Jürgen Puschbeck führte den Kammerchor der Hochschule in 20 Jahren zur Exzellenz

Seinen ersten Auftritt als Sänger hatte er als Vierjähriger: Jürgen Puschbeck begann seine Karriere in der Kurrende seines Heimatdorfs im Erzgebirge. In Dresden wurde er dann Kruzianer. Noch während seines Studiums bei Prof. Gert Frischmuth an der HfM Weimar wurde er Knabenchorleiter, später Chordirektor des Philharmonischen Chors in Jena. Seit 1987 wirkte er in Weimar selbst im Lehrauftrag, zum 1. Juli 1998 erfolgte der Ruf zum Professor für Chordirigieren. "Nebenbei" hat er den Kammerchor der Hochschule zu einem international beachteten Ensemble geformt. 

Herr Prof. Puschbeck, Sie singen selbst gern in Ihrem Chor mit?
Immer! Ich singe seitdem ich vier Jahre alt bin, zuerst in der Kurrende in meinem Heimatdorf. Unser alter Kantor kannte den Chef vom Kreuzchor, Rudolf Mauersberger. So kam ich dann nach Dresden, wurde ein Kruzianer und habe täglich neben der Schule vier Stunden gesungen, jede Woche ein Konzert mit einem anderen Programm. Das ist hart und schult. Das Militär war ein Spaziergang dagegen (schmunzelt). Nach dem Abitur musste ich zunächst für 18 Monate zur NVA und war in Leipzig stationiert.

Wie war es bei den Kruzianern?
Ich war lange Stimmführer und Solist im Sopran, es gibt auch einige Schallplatten mit mir als Knabensolisten. Danach war ich Tenor und einer von drei Präfekten – die letzten drei Schuljahre sogar erster Präfekt, also der erste Assistent des Kreuzkantors. Da musste ich Proben mit 150 Knaben leiten, auch gelegentlich Konzerte, mich um die jüngeren Kinder kümmern.

Daher kam mein Wunsch, so etwas auch beruflich zu machen. Man lernt unglaublich viel Literatur kennen, und wir waren auch viel auf Reisen. Man hat einen enormen Fundus, den man als Normalsterblicher gar nicht aufholen kann. Auch die Gehörbildung: Wir haben bereits vierteltönig gesungen, da war ich erst 12!

Was führte Sie nach Weimar?
Ich bin wegen Prof. Frischmuth hierhergekommen, meinem tollen Lehrer, und weil der Kammerchor auch damals schon sehr gut war und die Hochschule einen guten Ruf hatte. Ich habe von 1981 bis 1986 hier studiert. Schon ab dem dritten Semester wurde ich Chef des Jenaer Knabenchors, später dann Chordirektor des großen Philharmonischen Chors der Jenaer Philharmonie. Alle Ensembles gibt es heute noch. Mein Diplomkonzert gab ich im Konzerthaus Berlin mit dem Kammerchor der Hochschule.

Und was zeichnet Ihren Unterricht in Weimar aus?
In Weimar haben wir ein Drei-Säulen-Modell Sinfonik-Oper-Chor, das gibt es nicht so oft. Chor- und Orchesterdirigieren werden miteinander verbunden. Wir ergänzen uns, jeder Studierende hat in beiden Fächern Unterricht, und wir Lehrenden arbeiten toll zusammen. Wir lernen immer voneinander – und wir lernen auch von den Studierenden!

Ich achte bei meinen Hauptfachleuten auch immer auf viele praktische Projekte. So gibt es Kooperationen mit den Philharmonischen Chören in Jena und Erfurt, mit dem Theater Erfurt und seit einem halben Jahr auch mit der Oper in Hof. Dazu kommen viele freie Projekte, auch größere, die auch von den Studierenden selbst organisiert werden. Manche leiten auch selbst schon Chöre: Aktuell Fabian Pasewald den Studentenchor der FSU Jena, Alexander Lüken den Neuen Kammerchor Köln – beide studieren noch im Master bei mir.

Was ist Ihnen technisch wichtig?
Man muss schlagtechnisch gut lesen können, was die Dirigierenden machen. Zweitens braucht man als Chordirigent ein sehr gutes sängerisches Gespür, auch vom Hören her. Drittens eine gute Beherrschung der eigenen Gesangsstimme, und viertens muss man sich am Klavier als Korrepetitor fit machen. Ich unterrichte die ganze Bandbreite von Madrigalen über Motetten bis zur modernen Chorsinfonik.

Die Studierenden bringen oft auch selbst Stücke mit. Chorischer Gesang ist etwas anders als Solistengesang: Da geht man mehr auf die Konsonanten! „Die Vokale sind die Suppe beim Singen, die Konsonanten sind das Gewürz“, sagte mein Lehrer Gert Frischmuth, und es ist die Herausforderung, das geschickt beizubringen. Man muss als Lehrer die Balance finden zwischen Güte und Strenge, Fordern und Nachgeben.

Und was unterscheidet das Chor- vom Orchesterdirigat?
Insgesamt nicht so viel wie man denkt! Der Chor mag eher einen horizontalen, weicheren Schlag, weil das von der Atemspannung her angenehmer ist. Das Orchester mit seinen verschiedenen Klangerzeugungen wie Schlagen, Streichen und Blasen bevorzugt einen mehr vertikalen Schlag.

Ein großer Unterschied liegt in der Methodik des Einstudierens. Beim Orchester geht das mit den Noten viel schneller, die Flöte hat die Klappen, die Geige weiß, wo die Finger auf die Saiten müssen. Im Chor hat man nur die Ohren. Als Chorleiter muss man das innere Hören komplett schulen, aber das dauert Jahrzehnte. Sehr wichtig ist auch das Mitatmen, als wollte man selbst singen.

Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Jan Kreyßig.